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Salwa Yousef leitet bei Berami das Projekt „Angekommen“. 

Interview

„Wir wollen die Frauen ermutigen und stärken“

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Salwa Yousef von Berami über das Projekt „Angekommen“, das geflüchtete Frauen auf den Arbeitsmarkt vorbereitet.

Frau Yousef, was ist das Projekt „Angekommen“ und welche Ziele verfolgen Sie damit?

Der Kurs wendet sich an Frauen mit Migrations- und Fluchterfahrung. Ziel ist es, die Frauen darin zu stärken, sich in der neuen Umgebung besser zurechtzufinden, sich über Bildungswege zu informieren sowie über das Berufsbildungssystem und Berufsbilder.

Wie vermitteln Sie den Frauen diese Ziele?

Wir erklären ihnen, wie das Berufs- und Ausbildungssystem funktioniert, außerdem legen wir Wert auf die Vermittlung von berufsbezogenen Deutschkenntnissen, Mathematik und EDV. Weiter erarbeiten wir gemeinsam mit jeder Frau einen Handlungsplan für die Zeit nach dem Kurs. Das Ziel ist es, dass die Frauen nach sechs Monaten in der Lage sind, auf Grundlage des Wissens, welches sie erworben haben, erste Schritte eigenständig zu gehen.

Sie bereiten die Frauen auch auf Alltagssituationen vor. Wie kann man sich das vorstellen?

Sie durchlaufen ein Bewerbungstraining, gehen der Frage nach, wie sie sich im Praktikum verhalten sollen gegenüber Vorgesetzten und Kolleginnen und Kollegen. Aber sie erproben auch den Umgang im Alltag, beispielsweise üben sie, einen Termin beim Arzt zu vereinbaren. Für viele ist das eine große Hürde. Wir wollen die Frauen dazu ermutigen und stärken.

Zur Person

Salwa Yousefist seit 2016 bei Berami als Beraterin und Projektleiterin tätig.
Sie studierte an der Goethe-Uni Soziologie, Politikwissenschaft und Psychoanalyse und arbeitete im Anschluss als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Migrations- und Frauen- und Geschlechterforschung sowie als Referentin. 

75 Teilnehmerinnen haben die ersten fünf Kurse mit der Dauer von sechs Monaten abgeschlossen. Wie ging es im Anschluss für diese Frauen weiter?

53 Frauen konnten wir in weiterführende berufsorientierende und sprachfördernde Angebote vermitteln. Drei Frauen hatten das Glück, direkt in eine Ausbildung zu kommen, zwei Teilnehmerinnen besuchten den Vorbereitungskurs für die Hauptschule, eine Frau holt aktuell ihren Hauptschulabschluss nach und hat ein Saba-Bildungsstipendium der Crespo Foundation erhalten, je zwei Frauen besuchen eine Qualifizierungsmaßnahme für Gastronomie und Pflege. Bei sechs Frauen ist der Verbleib in Deutschland offen und sieben Frauen mussten den Kurs aus gesundheitlichen Gründen abbrechen.

Das Asylrecht wurde verschärft. Es beinhaltet unter anderem ein Asylschnellverfahren, das dafür sorgt, dass bestimmte Gruppen schneller abgeschoben werden können. Welchen Einfluss hat die Gesetzeslage auf betroffene Frauen, die nach dem Kurs eine Ausbildung oder Weiterbildung absolvieren wollen?

Das ist für Betroffene eine sehr schwierige Situation. Es ist problematisch, eine Praktikums- oder Ausbildungsstelle zu finden, einmal hatte es sogar geklappt. Sie dürfen in der Regel eine solche Stelle nicht antreten, weil sie keine Arbeitserlaubnis besitzen, aber meistens sind diese Frauen hochmotiviert. Das ist ein Drama für sie, weil sie jahrelang ausgebremst werden.

Woher kommt die Motivation?

Im Kurs haben wir auch Frauen, die in ihren Heimatländern keine Schule besucht oder nicht gearbeitet hatten, weil es keine Möglichkeiten gab. Andere sind sehr gut ausgebildet, waren jahrelang in ihrer Heimat berufstätig und möchten hier nun daran anknüpfen. Das Dilemma: Der Zugang zu passenden Maßnahmen ist für sie beschränkt, sie sind zum Nichtstun verdammt. Für sie ist es wie ein Geschenk des Himmels, hier zu lernen und für sich eine neue Perspektive zu ermöglichen. Eine junge Frau aus Eritrea, ohne Schulbildung, lernte sehr schnell die Sprache und erreichte das B1-Niveau. Sie absolvierte erfolgreich ein Praktikum in einem Krankenhaus und macht aktuell ihren Hauptschulabschluss. Sie blüht hier richtig auf und will nun Krankenschwester werden. Das klappt, wenn wir die Menschen und ihr Potenzial fördern.

Interview: Stefan Simon

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