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Die GBW-Vorstandsvorsitzende schaut auch im Umkreis von Bad Vilbel nach erschwinglichen Flächen zum Bauen.
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Die GBW-Vorstandsvorsitzende schaut auch im Umkreis von Bad Vilbel nach erschwinglichen Flächen zum Bauen.

Wohnen in Bad Vilbel

"Wir suchen immer wieder Grundstücke"

  • Andreas Groth
    vonAndreas Groth
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Grundstücke sind zu teuer, um darauf öffentlich geförderte Wohnungen zu bauen, sagt die Geschäftsführerin der Baugenossenschaft Bad Vilbel, Nancy Kabisch. Im FR-Interview spricht sie über weitere Pläne.

Im Oktober 2008 hat Nancy Kabisch als Bilanzbuchhalterin bei der Genossenschaft für Bauen und Wohnen (GBW) in Bad Vilbel angefangen. Geschäftsführerin wurde sie im August 2016, nachdem sie im Juli 2015 bereits Prokuristin geworden war. Seit Februar 2017 ist sie zudem Vorstandsvorsitzende.

Frau Kabisch, die meisten Menschen hatten noch nie mit einer Wohnungsbaugenossenschaft zu tun. Dabei bieten Baugenossenschaften häufig sehr günstige Wohnungen. Wie kommt man an eine Ihrer Wohnungen?
Man bekommt von uns nur eine Wohnung, wenn man Mitglied bei uns wird. Das heißt, man erwirbt Anteile an der Genossenschaft, man ist sozusagen Miteigentümer. Das Geld, das wir über die Anteile bekommen, investieren wir stets in den Wohnungsbestand. Eine Genossenschaft darf keinen Gewinn einfahren.

Was heißt das?
Fast alles, was wir an Jahresüberschuss erwirtschaften, müssen wir in die Objekte investieren. Im vergangenen Jahr haben wir 19 Wohnungen modernisiert, bei acht davon die Bäder komplett neu gemacht. Ausgenommen ist die Dividende, die wir auszahlen. Jedes Mitglied bekommt zwischen einem und vier Prozent Dividende. In den letzten 20 Jahren waren es immer vier Prozent. Die kriegt man heute nirgends auf dem Markt.

Kann jeder Mitglied Ihrer Genossenschaft werden?
Bis vor etwa sechs Jahren konnte es jeder werden. Dann gab es einen Vorstandsbeschluss, dass die Genossenschaft keine Kapitalanleger mehr will, die nur der Dividende wegen kommen. Mitglied kann seitdem nur werden, wer auch eine Wohnung von uns bekommt. Wer einst nur aufgrund der Dividende kam, darf aber Mitglied bleiben. Das sind noch 20 bis 30 Personen, darunter Handwerker und Geschäftsführer von Firmen.

Welche Rolle spielt der Geldbeutel, wenn man Genosse werden will? Kann es jeder werden – von der Putzfrau bis zum Bankmanager?
Ja. Wir haben freifinanzierte Objekte und öffentlich geförderte. Für letztere benötigt man einen Wohnberechtigungsschein; die sind für Menschen, die ein geringes Einkommen oder gar keine Arbeit haben. Aber auch bei den freifinanzierten sind wir unter dem Mietniveau in Bad Vilbel von zehn bis elf Euro. Bei den freifinanzierten, die komplett erneuert wurden, liegen wir zwischen neun und 9,50 Euro, bei den öffentlich geförderten zwischen vier und 5,50 Euro. Wenn eine Wohnung aus der Sozialbindung herausfällt, dürfen wir laut Gesetz innerhalb von drei Jahren maximal um 15 Prozent erhöhen. Aber das schöpfen wir in den wenigsten Fällen aus. Die Mieter wohnen zwar in einer freifinanzierten Wohnung, die in einem guten Zustand ist, und zahlen trotzdem nur sechs Euro.

Wohnen auch Spitzenverdiener in Ihren Wohnungen?
Wir haben 2013 drei Wohnungen ausgebaut, in denen wohnen Spitzenverdiener. Aber es sind nur drei unserer insgesamt 671 Wohnungen. Früher war der größte Teil unserer Wohnungen öffentlich gefördert. Wer einzog, war jung, hat vielleicht studiert und deshalb einen Wohnberechtigungsschein erhalten. Was in der Zwischenzeit passiert ist, ob er Professor und Manager geworden sind, wissen wir nicht. Ansonsten haben wir Normalverdiener in den Wohnungen.

Laut ihrer Satzung hat die Genossenschaft die Aufgabe, für eine gute, sichere und sozial verantwortbare Wohnraumversorgung zu sorgen. Was verstehen Sie darunter?
An erster Stelle stehen unsere preisgünstigen Mieten. Darunter verstehe ich aber genauso, dass wir in unseren Mietverträgen keine Kleinstreparaturklausel haben, nach der jeder Mieter kleinere Reparaturen bis etwa 100 Euro selbst zu zahlen hat. Dass wir als Vermieter gerne gesehen sind, zeigen die wenigen Mieterwechsel. Zumeist stehen sie an, wenn ältere Mieter sterben oder ins Altenheim gehen. Oder aber jemand hat so viel gespart, dass er sich ein Eigenheim leistet. In den letzten fünf Wohnungen, die frei wurden, lebten die Mieter 30 Jahre. Es gab drei Todesfälle, einen Umzug ins Altenheim und einen ins Eigenheim.

Wie hat sich der Wohnungsmarkt in den letzten Jahren in Bad Vilbel verändert?
Man merkt, dass immer mehr Besserverdienende nach Bad Vilbel ziehen. Das zeigen auch die Immobilienpreise. In den letzten fünf Jahren haben sie sich fast verdoppelt. Ein anderes unschönes Phänomen hat sich in den letzten Monaten gezeigt. Seit Anfang 2016 wechselten sechs Mehrfamilienhäuser den Eigentümer. Uns sind die Namen nicht bekannt. Die neuen Besitzer habe die Mieter rausgeschmissen, luxusmodernisiert und neu vermietet. Wir haben das mitbekommen, weil die geschassten Mieter zu uns kamen. In einem Haus auf dem Heilsberg verließen nach und nach zwölf Mietparteien ihre Wohnungen, weil sie sich sie nicht mehr leisten konnten.

Werden Sie sich um Fördermittel beim Land bewerben, um Wohnungen weiterhin in der Bindung zu halten? Umweltministerin Priska Hinz stellt mehrere Millionen Euro für den Ankauf von Belegungsrechten zur Verfügung.
Wir haben uns mit der neuen Förderrichtlinie intensiv beschäftigt. Sie besagt jedoch, dass der Antrag für Wohnungen, die bislang keiner Bindung unterliegen, mindestens vier leerstehende umfassen muss. Wir haben aber keinen Leerstand und wir werden keine Wohnungen leer stehen lassen, nur damit wir die Förderung kriegen. Dann gibt es noch die zweite Variante für Wohnungen, die aus der Bindung fallen. Das würde bei uns Anfang 2018 nur auf zwei Objekte zutreffen. In denen wohnen aber inzwischen Gutverdiener, und die Wohnungen werden nicht frei. Ich kann kein Objekt in der Bindung lassen, in dem Menschen wohnen, die keine Förderung nötig haben. Deswegen kommt das Förderprogramm für uns nicht in Frage.

Wird die Genossenschaft auch wieder Wohnungen neu bauen? Ihr ehrenamtlicher Vorstandskollege Manfred Cleve hatte dieses Ziel vergangenen Herbst ausgegeben. In diesem Jahr sollte mit den Planungen begonnen werden.
Uns wurde letztes Jahr ein Grundstück unweit der Stadtschule in der Kernstadt angeboten. Es war aber ein Hanggrundstück. Eine Bebauung dort für mittlere Einkommen – wir wollten entsprechende Fördermittel beantragen – hätte sich nicht realisieren lassen. Für zwölf Euro pro Quadratmeter hätten wir vermieten können, aber das wollen wir nicht.

Und aktuell?
Wir sind immer wieder auf der Suche nach Grundstücken. Ich habe auch schon darüber nachgedacht, Objekte zum Abriss zu kaufen, um danach öffentlich gefördert zu bauen, aber das gibt es in Bad Vilbel nicht. In Bad Vilbel gibt es zurzeit keine bezahlbaren Flächen, um geförderte Wohnungen zu bauen. Die Grundstückpreise sind so dermaßen hoch, und dann noch die Baukosten dazu. Für Leute, die Eigentumswohnungen bauen oder für 13 Euro vermieten, ist das lukrativ.

Das heißt, es sind keine Neubauten in Planung?
Im Moment überhaupt nicht.

Schauen Sie außerhalb von Bad Vilbel nach Grundstücken?
Ja, das mache ich, in einem Umkreis von fünf Kilometern um Bad Vilbel, beispielsweise in Karben. Es ist jedoch nicht möglich, ein Grundstück für mehr als 1000 Euro den Quadratmeter zu erwerben und darauf öffentlich geförderte Wohnungen anzubieten.

Interview: Andreas Groth

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