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Ein Film von 1985 mit einem Interview mit Ernst Klee wurde bei der Übergabe des Nachlasses an den Landeswohlfahrtverband gezeigt.

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"Wir brauchen Leute wie Ernst Klee"

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Die Witwe des Journalisten Ernst Klee übergibt den Nachlass an die Gedenkstätte Hadamar. Klee recherchierte ausführlich zu NS-Morden an Behinderten und Kranken.

Gelassen, aber in deutlichen Worten spricht der junge Mann mit den dunklen Locken über die Verbrechen des Nationalsozialismus, über die Tötung von behinderten, psychisch kranken, schwachen und anderen Menschen. Es ist Ernst Klee, der 2013 gestorbene Journalist, der am Donnerstagvormittag in den Räumen der Evangelischen Akademie Frankfurt am Römerberg auf dem Bildschirm erscheint.

Die Morde in der hessischen Tötungsanstalt Hadamar bei Limburg und anderswo seien „nicht nur ein Problem der sogenannten psychisch Kranken“, sagt Klee in dem Fernsehinterview. Die Nazis hätten auch andere Menschen loswerden wollen, die ihnen nicht mehr nützlich erschienen, etwa Altenheimbewohner. „Es hätte jeden erwischt“, macht Klee deutlich.

Der Landeswohlfahrtsverband, die Stadt Frankfurt und Weggefährten wie Klees Verlagslektor Walter H. Pehle erinnern am Donnerstag, an dem Klee seinen 76. Geburtstag hätte feiern können, an das Wirken des Journalisten. Der Anlass: Die Witwe Elke Klee übergibt seinen publizistischen und wissenschaftlichen Nachlass an die Gedenkstätte Hadamar, die vom Landeswohlfahrtsverband (LWV) getragen wird.

Es sind, wie Gedenkstätten-Leiter Jan Erik Schulte schildert, umfangreiche Aktenordner, die nebeneinander mehr als 36 Meter lang wären, dazu Fotos und eine Fachbibliothek mit fast 1500 Bänden. Klee hat, wie sein Lektor Pehle berichtet, akribisch einen Datenbestand zu rund 20 000 Personen gesammelt – Täter, Mitläufer und Opfer. Dabei sei es ihm stets wichtig gewesen, den Blick nicht auf die Taten und das Leiden in der Nazizeit zu beschränken, sondern auch herauszufinden, wie der Lebensweg der Protagonisten in der Nachkriegszeit weitergegangen sei. Viel zu oft, so arbeitete Klee heraus, konnten die hoch belasteten Täter etwa als Ärzte in höchsten Positionen weiterarbeiten.

„Wir brauchen Leute wie Ernst Klee zu allen Zeiten, die uns Beine machen“, betont Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne). Der Erste Beigeordnete des LWV, Andreas Jürgens (Grüne), spricht von „herausragenden Verdiensten“ des Journalisten.

Der Lektor Pehle, von Haus aus Historiker, weist auf die blinden Flecken in den Geschichtswissenschaften hin, die Klee aufgezeigt habe. Der Journalist habe „bisher verleugnete Kapitel“ der Zeitgeschichte aufgearbeitet. Dabei habe er alle Täter beim Namen genannt. „Mir stand der Schweiß auf der Stirn, wenn ich an die Anwälte dachte.“

Es ist ein sehr persönliches Gedenken an diesem Tag, denn Klees Arbeit hat viele geprägt, die zu der feierlichen Übergabe sprechen. Andreas Jürgens erinnert daran, wie sich der Journalist für bessere Lebensverhältnisse von behinderten Menschen eingesetzt hat, etwa mit dem 1974 erschienen „Behinderten-Report“.

„Er hat in vielen behinderten Menschen die Idee der Emanzipation geweckt“, sagt Jürgens. Der Grünen-Politiker, der an der Glasknochenkrankheit leidet und im Rollstuhl sitzt, zählt sich ausdrücklich selbst zu denjenigen, die von Klee inspiriert wurden. Der Journalist habe Menschen wie ihm zu „einer völlig neuen Perspektive des Empowerment“ verholfen, zu einer „neuen Einstellung, mit Stolz und Selbstbestimmung durchs Leben zu gehen“. Jürgens kommt zu dem Schluss: „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ich ohne Ernst Klee heute hier als Erster Beigeordneter stehen würde.“

Jürgens schlägt die Brücke zu aktuellen Recherchen. Die Frankfurter Rundschau hatte an die Öffentlichkeit gebracht, dass der Euthanasiearzt Werner Catel noch in der Nachkriegszeit in der staatlichen Tuberkulose-Heilstätte Mammolshöhe im Taunus Medikamente an Kindern getestet hatte und dabei mindestens vier Kinder getötet wurden. Die Klinik Mammolshöhe unterstand zeitweise dem LWV. Nun verspricht Jürgens, die Vorgänge von Forschern aufklären zu lassen und zu schauen, „ob sich Anhaltspunkte für ähnliche Vorgänge in anderen Einrichtungen finden“.

Auch für den Frankfurter Dezernenten Majer waren Ernst Klees Arbeiten ein Anstoß, sich in der Studienzeit intensiv mit der nationalsozialistischen Vergangenheit zu befassen. „Wir dürfen nicht müde werden in diesem Aufarbeiten“, betont Majer. Das gelte erst recht „in Zeiten, wo Menschenfeindlichkeit sich nicht mehr geniert, sondern sich inszeniert“.

Gedenkstättenleiter Jan Erik Schulte knüpft daran an. In der Aufarbeitung der Euthanasiemorde und der „Kontinuitäten im Nachkriegsdeutschland“ gebe es noch viel zu tun. Das sei gerade jetzt nötig „in einer Zeit, in der der bisherige Konsens in der Bundesrepublik populistisch und lautstark herausgefordert wird“, betont der Historiker. Die Gedenkstätte verspricht, Klees Nachlass so zügig wie möglich aufzuarbeiten. Dann soll er für alle interessierten Forscher zur Verfügung stehen.

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