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Christoph Pienkoß.

Interview

„Wir brauchen keine Schulgebäude“

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Experte Christoph Pienkoß sagt, Unterricht ist auch ohne Klassenzimmer und Corona-Ansteckungsgefahr möglich. In Hessen und Deutschland ist das aber eher eine theoretische Möglichkeit.

Christoph Pienkoß (45) ist seit zwei Jahren Geschäftsführer des Verbands Bildungsmedien mit Sitz in Frankfurt.

Herr Pienkoß, brauchen wir für guten Unterricht zwingend Schulgebäude und Klassenräume?

Nicht unbedingt, und vor allem: nicht nur. Es gibt Räume, die nicht physisch vorhanden sind, in denen man aber unterrichten kann. Das sind die virtuellen Räume der digitalen Welt.

Können wir diese Räume schon heute nutzen, wenn Schulen wegen des Coronavirus geschlossen werden müssen?

Die Lehrmaterialien dafür gibt es jedenfalls. Fast jedes aktuelle Mathe-, Deutsch- oder Geschichtsbuch hat auch eine digitale Version, die zumeist weit mehr ist als ein Abbild des Gedruckten. Da gibt es in aller Regel Erweiterungen mit Videos, Links zu Internetangeboten und interaktive Angebote für Übungen oder Vertiefungen des Themas. Das kann das, was als Gedrucktes in der Schule bearbeitet wird, weit mehr als ersetzen.

Sind diese Lehrmaterialien in den Schulen auch vorhanden?

Die Standardwerke, die in den Schulen genutzt werden, haben fast alle eine Digitallizenz, die momentan, im noch eher analogen Zeitalter in Deutschland, kostengünstig genutzt werden kann.

In Australien beispielsweise ist das Unterrichten zu Hause, ohne gemeinsamen Klassenraum, ja weit verbreitet, allein schon wegen der langen Wege zur Schule und weil nicht alle ein Internat besuchen wollen. Wie funktioniert das dort?

Das, was Australien macht, kennen wir punktuell aus Universitäten. Dort gibt es die Onlinekurse, die live gehalten werden und bei denen es eine Interaktion zwischen dem Lehrenden und zum Teil bis zu Hunderten Studierenden gibt. Das ist also keine einseitige Angelegenheit, bei der jemand vorträgt und die anderen per Video lediglich zuschauen, sondern es ist eine echte Kommunikation, auch zwischen den Studierenden.

So wird das dann auch im schulischen Unterricht gemacht?

Ja, sehr ähnlich. Die Lehrkraft und die Schülerinnen und Schüler, die zu Hause am Schreibtisch sitzen, sind per Video zusammengeschaltet. Dann redet die Lehrerin beispielsweise in einer 15-minütigen Videosequenz, anschließend wird darüber miteinander gesprochen, und dann gibt es Übungen oder eine Hausaufgabe, die wiederum von der Lehrkraft gesehen, beurteilt und mit den Schülern und Schülerinnen besprochen werden kann. Das kommt Unterricht im Klassenraum schon ziemlich nahe.

Ist das auch in Deutschland umsetzbar?

Die Infrastruktur dafür haben wir in Deutschland höchstens in Pilotklassen und an einzelnen Standorten. Dort wird das üblicherweise in den Schulen selbst umgesetzt und nur in den allerseltensten Fällen dezentral wie in Australien.

Was brauchen wir dafür?

Eine ausreichende Ausstattung der Schulen mit digitaler Infrastruktur, internetfähigen Lernplattformen und einer guten Breitbandanbindung. Wir sollten auch die Frage klären, mit welchen Geräten die Schülerinnen und Schüler arbeiten. Sind das schuleigene Laptops oder Tablets, sind es Geräte, die den Schülern selbst gehören? Welche Software soll und darf darauf installiert sein? Und wer sorgt dafür, dass diese Infrastruktur dauerhaft funktionsfähig bleibt? Mit dem Digitalpakt steigen wir jetzt gerade ein, auf diese Frage Antworten zu finden. Dazu gehört auch, dass Lehrkräfte in die Lage versetzt werden, mit diesen digitalen Möglichkeiten angemessen zu arbeiten. Sie arbeiten heute ja zumeist noch an ihren heimischen Computern, weil sie vom Arbeitgeber keine Laptops oder Tablets gestellt bekommen.

Wie sehen die aktuellen Lösungen aus?

Man wird sich in Deutschland damit behelfen müssen, dass Lehrkräfte per Mail Aufgaben und Übungen verschicken, die die Schülerinnen und Schüler dann zu Hause bearbeiten sollen. Interaktiv läuft da eher nichts, und auch ein gemeinsames Arbeiten gibt es dabei nicht. Das sind sehr rudimentäre Hilfsmaßnahmen, damit so etwas wie Lernen fortgesetzt werden kann.

Interview: Peter Hanack

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