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Wildgehege im ehemaligen Waffenlager

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Von: Claudia Kabel

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Einige der ehemaligen US-Bunker sollen zu Fledermausunterkünften werden: Bundesförster Harald Fuhrländer erklärt, wie.
Einige der ehemaligen US-Bunker sollen zu Fledermausunterkünften werden: Bundesförster Harald Fuhrländer erklärt, wie. © Renate Hoyer

Von den Bunkern des früheren Munitionslagers Muna bei Münster-Breitefeld (Kreis Darmstadt-Dieburg) herab sollen Besucher auf Wisente und Wildpferde blicken können.

Es soll das wichtigste Munitionsnachschublager der Amerikaner in Europa gewesen sein: Abgeschottet hinter Stahltor und Maschendrahtzaun liegt das sogenannte Muna-Gelände bei Münster-Breitefeld (Kreis Darmstadt-Dieburg). Seit dem Abzug der Amerikaner 1995 liegt das Gelände brach. Eine große Artenvielfalt konnte sich ungestört entwickeln. In Kratern von gesprengten Bunkeranlagen haben sich Seen gebildet. Heidelandschaft wechselt mit Schotterrasen und Vorwald bis hin zu teutonischem Urwald und bildet einen Ort mit hohem Naturschutzwert. Doch das 250 Hektar große Gebiet, auf dem schon die Wehrmacht eine Munitionsfabrik mit Verladebahnhof betrieb, ist mit Sprengmitteln verseucht und gilt als „No-go-Area“: Das Betreten ist strengstens verboten.

Jetzt soll dort ein Wildgehege entstehen, in dem erstmals Wisente und Wildpferde gemeinsam leben. Das kündigten Bundesforst und die Gemeinde Münster am Donnerstag an. Wichtigster Partner ist dabei die DB-Netz, die das Weideprojekt als Ausgleich für Infrastrukturmaßnahmen mit 3,5 Millionen Euro über 30 Jahre finanziert.

Ab 2019 sollen ein Wisentbulle und fünf bis sechs Kühe sowie eine kleine Herde von fünf Przewalski-Pferden dort leben. Alle Tiere stammen aus Züchtungen. Die in freier Wildbahn bei uns ausgestorbenen großen Pflanzenfresser „sollen dazu beitragen, das Offenlandbiotop zu erhalten“, sagte Theresa Bode, die für den Naturschutz beim Bundesforstbetrieb zuständig ist. Denn das zu 80 Prozent mit Wald bedeckte Gebiet droht komplett zu verwalden, wenn nicht eingegriffen wird. Die Muna sei eine „extrem gefährliche Liegenschaft“, sagte Bode. Dennoch sollen Besucher die Tiere aus der Ferne beobachten können. Dafür sind Aussichtsplattformen auf ein bis zwei Bunkern geplant.

Insgesamt zehn dieser mit Gras bewachsenen und mit Graffiti besprühten Gebäude sollen als Anlaufstelle für Besucher hergerichtet werden. Bode sprach von einer „Verbindung von Natur und Geschichte“, die die Bunker noch einmal aufleben lasse. Weitere Bunker, teilweise aus Zeiten der Wehrmacht, eignen sich laut Bundesförster Harald Fuhrländer als Unterkünfte für Fledermäuse. Olaf Burmeister-Salg von der Wirtschaftsförderung Münster präsentierte ein Konzept, das eine historische Dauerausstellung, einen Shop, Gastronomie und eine Forschungsstation für Wissenschaftler, Kindergärten und Schulen vorsieht. Auch begleitete Führungen und Fotosafaris soll es geben. „Wir werden das Projekt sukzessive aufbauen“, sagte Bürgermeister Gerald Frank (SPD). Dabei hofft die Kommune, die für die Umweltbildung zuständig sein wird, auf Fördermittel und Sponsoren.

Im Zuge der Renaturierung des Areals wird derzeit das ehemalige Zentraldepot mit Wachturm abgerissen. Zuvor wurden dort bis zum vergangenen Juni 3,5 Tonnen Kampfmittel gefunden. Zwischen 2004 und 2008 wurde bereits bei einer großangelegten Räumung insgesamt 150 Tonnen Sprengmittel gefunden – „davon waren eine Million scharfe Granaten“, sagte Matthias Pollmeier, stellvertretender Betriebsleiter des Bundesforstbetriebs Schwarzenborn und Projektleiter beim Liegenschaftsverwalter, der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Hinweise auf die Lagerung von biologischen und chemischen Waffen habe es keine gegeben. Ungeklärt ist dagegen laut Bürgermeister Frank die in den 80er Jahren viel diskutierte Lagerung von Atomwaffen.

Damit die Tiere kein verseuchtes Wasser trinken, sollen Proben an den Tränkestellen entnommen werden. Auch sollen auf einem in Sichtweite der Aussichtsbunker gelegenen, bereits entmunitionierten Bereich ein Unterstand und eine tierärztliche Behandlungsstation eingerichtet werden. Ein zweiter (elektrischer) Zaun um das Gelände soll einen Ausbruch verhindern. Die Vision geht jedoch weiter: „Langfristig ist eine Auswilderung nicht ausgeschlossen“, sagte Pollmeier.

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