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Wiesbadener Kulturbeirat ruft um Hilfe

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Von: Andrea Rost

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Im Großen Haus des Hessischen Staatstheaters wurden im vorigen Jahr 80 Prozent weniger Tickets verkauft als vor der Pandemie.
Im Großen Haus des Hessischen Staatstheaters wurden im vorigen Jahr 80 Prozent weniger Tickets verkauft als vor der Pandemie. © Michael Schick

Infolge von Corona sind in Wiesbadens Kultureinrichtungen Besucherzahlen und Ticketverkäufe drastisch zurückgegangen. Jetzt appelliert der Kulturbeirat an die Stadtverordneten, Künstlerinnen und Künstler zu unterstützen – finanziell ebenso wie ideell.

Wie kann die Vielfalt der Wiesbadener Kulturszene erhalten werden? Wie kann es für Künstlerinnen und Künstler nach zwei Jahren Corona-Pandemie in Zukunft eine Perspektive in der Landeshauptstadt geben? Der Kulturbeirat, dem 25 Personen aus Politik und den verschiedenen Sparten der Kultur angehören, glaubt, dass es dazu weiterhin öffentliche Unterstützung brauchen wird.

„Jetzt an der Kultur sparen, heißt später arm dran sein“, ist ein Appell an die Stadtverordneten überschrieben, den das Gremium in seiner jüngsten Sitzung verabschiedet hat. Es gelte, ein geeignetes Maß in der Förderung der Wiesbadener Kultur zu finden, das nicht in Konkurrenz zu Notlagen in der kritischen Infrastruktur stehe und bei dem die Kultur nicht dem Sparen zum Opfer falle, heißt es in dem Papier. Mit städtischer Hilfe sei in den vergangenen drei Jahren der Erhalt der Vielfalt in der Wiesbadener Kultur gesichert worden. Den neuen Herausforderungen sollte weiterhin mit dieser Praxis begegnet werden. „Ein Verlust an Vielstimmigkeit von großen und kleinen, von institutionell oder durch Projektmittel geförderten Veranstalter:innen und Solokünstler:innen wäre unumkehrbar“, finden die Kulturbeiratsmitglieder.

Hintergrund des Hilferufes ist unter anderem eine Statistik zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie in den Jahren 2020 und 2021 auf die Wiesbadener Kultureinrichtungen, die die Stadt jüngst veröffentlich hat. Darin wird deutlich, dass die gesamte lokale Kulturszene massiv von den Beschränkungen betroffen war, was zu drastischen Einbrüchen bei Ticketverkäufen und Besuchszahlen führte. Viele Einrichtungen mussten komplett schließen, ihr Angebot reduzieren oder in den digitalen Bereich verlagern.

Im Staatstheater etwa hat sich die Zahl der Aufführungen im Jahr 2020 um 61 Prozent verringert, 2021 gab es zwar wieder mehr Vorstellungen, allerdings nur knapp halb so viele wie 2019. Noch deutlicher machte sich die Pandemie bei den Gästezahlen bemerkbar. Weil die Platzkapazitäten 2020 stark reduziert werden mussten, verzeichnete das Staatstheater 77 Prozent weniger Zuschauer:innen, 2021 wurde der Negativrekord noch um 1,5 Prozentpunkte übertroffen. Das größte Minus hatte den Angaben zufolge das große Haus mit 80 Prozent weniger Gästen.

Deutlich weniger Menschen besuchten im ersten Corona-Jahr 2020 auch die Wiesbadener Museen und Ausstellungen. Den stärksten Schwund gab es im Schloss Freudenberg mit minus 75 Prozent Gästen. Im Jahr 2021 sank die Zahl der Museumsbesucher:innen weiter. Am deutlichsten machte sich dies im Stadtmuseum am Markt (SAM) bemerkbar mit minus 87 Prozent, verglichen mit der Zeit vor der Pandemie.

Appell an die Politik

Im Wiesbadener Kurhaus gab es 2020 um 62 Prozent weniger Veranstaltungen und 77 Prozent weniger Besucher:innen, 2021 wurde dort ein leichter Aufwärtstrend verzeichnet. Ähnlich ist die Entwicklung im Rhein-Main-Congresscenter (RMCC), wo 2021 das Impfzentrum eingerichtet war. Im Schlachthof ist die Zahl der Veranstaltungen der Statistik zufolge 2020 um 80 Prozent eingebrochen. Im Jahr 2021 sank die Zahl der Besucher:innen weiter.

Auch wenn die Corona-Pandemie nicht mehr das vorherrschende Thema ist, glaubt der Kulturbeirat, dass Künstler:innen und Kulturveranstalter:innen weiterhin mit einer ausgesprochen schwierigen Situation zu kämpfen haben, nicht zuletzt wegen Energiekrise und Inflation. Die Mitglieder fordern Planungssicherheit für die Kulturszene, indem Auflagen mit zeitlichem Vorlauf gesetzt werden und die Stadt Kulanz bei Genehmigungen walten lässt. Künstlerinnen und Künstler bräuchten unbürokratische Förderungen und Stipendien.

Außerdem gelte es zu prüfen, inwieweit finanzielle Unterstützung bei den stark gestiegenen Energiekosten gewährt werden könne. Kulturschaffende suchten nach der Pandemie nach neuen Wegen der Publikumsbindung. „Die politisch Verantwortlichen können dieses Anliegen unterstützen, indem sie die Relevanz des Kulturlebens in Wiesbaden öffentlich bekräftigen“, so der Kulturbeirat.

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