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Die zweite Heimat

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Der Untermarkt in Görlitz - hier mischen sich Einheimische und Touristen.
Der Untermarkt in Görlitz - hier mischen sich Einheimische und Touristen. © S. Wenzel

Seit 20 Jahren sind Wiesbaden und Görlitz Partnerstädte. Inzwischen hat es einige Hessen vom Rhein an die Neiße verschlagen - wie Rolf Wiedemann und Matthias Schneider. Von Mirjam Ulrich

Von Mirjam Ulrich

Wo er helfen kann, hilft er. Schon immer handelt Rolf Wiedemann nach dieser Devise. Vor zwei Jahrzehnten führte sie den gebürtigen Wiesbadener in die Partnerstadt an der Neiße. 1990 lernte der damalige IT-Manager des Arbeitsamtes Frankfurt zwei Görlitzerinnen kennen, die im Wiesbadener Rathaus hospitierten. Bald nach seinem ersten Görlitz-Besuch half er dem Ehemann der einen Görlitzerin beim Hausbau.

Doch seine Hilfsbereitschaft ging weiter: Lastwagen voller EDV und anderer benötigter Materialien fuhr er an den Wochenenden dorthin. "Ich habe den Aufbau Ost auf etwas andere Weise gemacht", erinnert sich Rolf Wiedemann. "Ich war nicht abkommandiert, sondern machte das nebenbei." Er kannte viele Leute und vermittelte Kontakte. Sein Arbeitgeber gewährte ihm viele Freiheiten und sogar Sonderurlaub. Zwar blieb er monatelang im Osten, doch pendelte er noch lange Zeit, seine Familie wollte nicht aus Wiesbaden weg. 1995 kaufte er einen alten Bauernhof in der Nähe von Görlitz. Die Landschaft gefiel ihm so gut.

"Görlitz war anfangs nicht schön, die Häuser grau und verfallen", sagt der 66-Jährige, der heute im Ruhestand als Immobilienmakler arbeitet. Dennoch drängte er bei der Stadt darauf, von Anfang an auf Tourismus zu setzen, stieß damit aber auf wenig Begeisterung. Mittlerweile habe sich das geändert, hat er festgestellt, aber die verstrichene Zeit lasse sich nicht mehr aufholen. Wiedemann selbst macht für die Stadt Reklame, wo er kann, schließlich ist er beruflich viel in der Welt unterwegs. Einmal vertrat er Görlitz sogar auf einer Messe. "Da stand ich und warb mit meinem Wiesbadener Dialekt für Görlitz", erzählt Wiedemann und lacht.

Dass seine neue Heimatstadt nicht viel stärker in Wiesbaden präsent ist, bedauert er sehr. Die Aktion "Die Lausitz rollt an" im Jahre 1999 zum Tag der Deutschen Einheit in Wiesbaden sei ein großer Erfolg gewesen. Görlitzer Produkte fanden reißenden Absatz. "In Wiesbaden gibt es so viele Feste, da könnte doch jedesmal ein Stand aus Görlitz dabei sein", schlägt er vor. Das koste nicht viel - und zur Not müsste die Stadt einfach in Wiesbaden betteln gehen.

Am Geld liege es nicht, findet der ehemalige WiesbadenerMatthias Schneider. "Wer etwas machen will, kümmert sich dann meistens selbst", sagt der Marketingchef des Görlitzer Theaters. Ein Oberbürgermeister könne viel in Bewegung bringen, ohne große Mittel einzusetzen. "Das hiesige Rathaus behandelt seine Städtepartnerschaften generell etwas stiefmütterlich."

Schneider arbeitete 1989 als Journalist für Wiesbadener Zeitungen und kam im Dezember jenes Jahres zum ersten Mal in die Stadt, in der sein Vater vor dem Zweiten Weltkrieg lebte. Den damals 35-Jährigen trieb ein bisschen der Ehrgeiz, als erster Journalist aus der Landeshauptstadt nach Görlitz zu fahren. "Es gab schon zu DDR-Zeiten den Versuch, eine Städtepartnerschaft mit Görlitz zu gründen", erinnert er sich. Wiesbadener Delegationen kamen auf dem Weg in die Partnerstadt Breslau/Wroclaw immer durch Görlitz. Zudem hatten einige Wiesbadener Politiker wie der damalige Oberbürgermeister Achim Exner einen persönlichen Bezug zu der Stadt. Und nicht zuletzt wusste Deutschlands oberster Denkmalschützer Gottfried Kiesow um die Schönheit Görlitz’ und setzte sich für sie ein.

Auch Matthias Schneider begeisterte sich für das Leben an der Neiße. Zum einen habe er dort Geschichte vor Ort erlebt, zum anderen noch mehr bewegen können als in Wiesbaden. Dorthin stellte er Querverbindungen her, beispielsweise zum Arbeiter-Samariter-Bund, der in Görlitz wieder gegründet wurde. 1991 zog er ganz nach Görlitz, wo er eine Stelle angeboten bekam und auch sein privates Glück fand und heiratete. Was die Partnerschaft zwischen den beiden Städten betrifft, so sieht er noch mehr Möglichkeiten zum Austausch, insbesondere kulturell. "Man muss sich halt mal auf den Weg zum Partner machen und nicht immer nur abwarten."

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