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Zwei Stunden Glück

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Faschingstanz statt Alltagstrott.
Faschingstanz statt Alltagstrott. © renate Hoyer

Tanztee für Demente soll Kranken und Angehörigen Freude am Leben vermitteln

Von Gesa Fritz

Erika S. tanzt so gerne. Und sie singt. Viel und gefühlvoll. Nur reden – reden tut sie so gut wie gar nicht mehr. Erika S. ist 70 Jahre alt und dement. „Seit zehn Jahren“, sagt ihr Mann Winfried S. (Namen geändert). Aber so richtig extrem sei es erst seit sechs Jahren.

Der 64-Jährige lebt mit seiner Frau in einer Wohnung in Wiesbaden. „Ich betreue sie, so lange es geht“, sagt er. Der Alltag in der gemeinsamen Wohnung ist schon jetzt eigentlich nicht mehr zu bewältigen. Winfried S. plant den Umzug in ein betreutes Wohnheim. Den gemeinsamen Umzug.

60 bis 120 Senioren kommen

Aber heute ist Freitag. Der zweite Freitag im Monat. Und an diesem Tag brechen Winfried und Erika S. aus dem Alltag aus. Dann zieht es sie aufs Parkett, zum Tanztee für Demente.

Seit zwei Jahren lädt die Diakonie zu dem besonderen Nachmittag ins Tanzsportzentrum des Tanzclubs Blau-Orange. Zuerst nur quartalsweise, seit diesem Jahr monatlich. Zwischen 60 und 120 Senioren sind immer mit dabei. Demente mit ihren Angehörigen oder Betreuern, aber auch Bewohner des nahen Altenheims.

Das Tanzcafé sticht aus dem Reigen der Angebote für Demente heraus. Hier geht es nicht um die vorübergehende Entlastung der Pflegenden oder die Organisation des Alltags. Dementen und ihren Angehörigen soll Freude und Lebensqualität vermittelt werden. „Paare können sich hier noch mal als Paar erleben“, sagt Heinz Merkel von der Diakonie.

Alles spielt sich in einem geschützten Rahmen ab, damit niemand Angst haben muss, wenn einer aus der Rolle fällt. Wenn ein Dementer nur starr auf der Tanzfläche steht, unruhig wird oder laut „Das ist ja geschmacklos!“ ruft. Und doch ist das Tanz-Zentrum so groß, dass sich niemand ausgegrenzt und abgeschoben fühlt. Die Menschen habe das Gefühl, am gesellschaftlichen Leben teil zu haben. Sich schick machen gehört natürlich auch dazu.

Für 2013 fehlt noch das Geld

„Die emotionale Ebene bleibt bis zum Schluss erhalten“, sagt Gabriele Hofmann, Koordinatorin des Tanzcafés. Das Langzeitgedächtnis werde durch die alten Musikstücke angesprochen. Und jüngere Lieder wie „Die Hände zum Himmel“ gehen auch hier – selbst wenn die eine oder andere winkende Hand nur auf Hüfthöhe bleibt.

Wie lange es dieses Tanzvergnügen noch geben wird, ist völlig ungewiss. Rund 13000 Euro kostet die Veranstaltung inklusive Raummiete und Live-Musiker im Jahr. Und nur bis Ende 2012 ist die Finanzierung durch eine Stiftung gesichert. Ohne Sponsoren oder Mittel aus dem städtischen Haushalt könnte auch der Tanztee bald Vergangenheit sein.

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