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Zuhause auf Zeit

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Von: Hannah Weiner

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Eine Heizung, ein Bett und Gesellschaft: 100 Nächte darf Stefan Müller in der Notübernachtungsstelle „Biwak“ schlafen.
Eine Heizung, ein Bett und Gesellschaft: 100 Nächte darf Stefan Müller in der Notübernachtungsstelle „Biwak“ schlafen. © Michael Schick

Die Teestube des Diakonischen Werks an der Dotzheimer Straße ist eine Anlaufstelle für jeden – ob betrunken, auf Drogen, legal in Deutschland oder nicht, unfreiwillig obdachlos oder aus freien Stücken.

Auf einmal stand er auf der Straße. In der Hand nur ein Koffer, darin Klamotten, ein paar Sachen zum Waschen. Mehr nicht. Hinter der verschlossenen Wohnungstür seine Möbel, Fotos und Bücher, all das, was er noch nicht verkauft hatte und doch zurücklassen musste. Der 56-jährige Stefan Müller, der eigentlich anders heißt, lebt seit drei Jahren in Wiesbaden. Vor fünf Wochen musste er aus seiner Wohnung. Er konnte die Miete nicht mehr zahlen.

Menschen, die wie er auf einmal auf der Straße stehen, haben in Wiesbaden einen Ort, an dem sie willkommen sind. Die Teestube des Diakonischen Werks an der Dotzheimer Straße ist eine Anlaufstelle für jeden – ob betrunken, auf Drogen, legal in Deutschland oder nicht, unfreiwillig obdachlos oder aus freien Stücken.

An der hellgelben Fassade des Hauses hängt ein leuchtender Stern. Vor der verwitterten Holztür stehen Frauen und Männer mit Plastiktüten, großen Taschen und Rucksäcken. Sie lächeln nicht. Es ist kalt und früh am Morgen. Bis zu 120 Menschen kommen jeden Tag, sagt der Teestuben-Leiter Matthias Röhrig.

Die Gründe für Wohnungslosigkeit sind vielfältig: psychische Erkrankungen, Geldnot oder illegale Einwanderung. „Viele kennen zudem unser Hilfesystem nicht oder erleben sogenannte Stressful Life Events und sind überfordert“, erklärt Röhrig. So ähnlich war das bei Müller. „Der extreme Zeitdruck als Fachkraft war mir zu viel“, erklärt der gelernte Krankenpfleger, der in Röhrigs Büro an einem Tisch sitzt. Mehr als zwei Jahrzehnte pflegt er Kranke, arbeitete auf einer Intensivstation. Lange kümmerte er sich zusätzlich um seine pflegebedürftigen Eltern. „Das ist mir über den Kopf gewachsen.“ Er bekam das erste Burn-Out, flüchtete nach Ägypten, wo er zwei Jahre als Tauchlehrer arbeitete.

Wieder zusammengebrochen

Doch nach den Anschlägen vom 11. September 2001 musste Müller zurück nach Deutschland, zurück in seinen alten Job, der ihn krank machte. Nach einigen Jahren „bin ich wieder zusammengebrochen“, erinnert er sich. Die Diagnose: Burn-Out und eine schwere Depression. „Ich konnte mich nicht damit anfreunden, dass man nur zehn Minuten Zeit hat, um sich um jemanden zu kümmern. Die Leute haben Besseres verdient“, sagt er leise. Seine Finger spielen mit einer Büroklammer. Wegen der Depression sei er nur noch zu Hause geblieben, habe sich um nichts mehr gekümmert. „Dadurch habe ich meine Wohnung verloren“, sagt er. „Deswegen sitze ich jetzt hier.“ Trotzdem sei die Krankenpflege noch immer sein Traumberuf. „Mich um Menschen zu kümmern und zu helfen, das liegt mir.“

Jetzt müssen sich erst mal andere um ihn kümmern. So wie Röhrig und seine Mitarbeiter. Die Teestube ist Stefan Müllers Zuhause auf Zeit. Sie war seine erste Anlaufstelle, nachdem er nur mit seinem Koffer auf der Straße stand. Hier wurde er aufgefangen. Hier darf er nun schlafen, wenn er sich jeden Tag rechtzeitig um eines der zehn Betten kümmert, die in der Notunterkunft „Biwak“ bereit stehen. Eine Lösung auf Dauer ist das nicht. Denn niemand darf mehr als 100 Nächte hier bleiben. Bis 14 Uhr muss Müller sich anmelden, jeden Tag aufs Neue.

Zwischen den kurzen, braunen Haaren des 54-Jährigen blitzen weiße Strähnen. Er trägt ein blaues Hemd, ist frisch rasiert. Seit der Gerichtsvollzieher kam und er aus seiner Wohnung musste, duscht er jeden Tag in der Teestube. Doch sie ist nicht nur ein warmer, trockener Ort, in dem es kostenloses Essen, günstige Wäschen und Duschen gibt. Röhrig und sein Team bieten auch medizinische Versorgung an, manchmal gibt es einen Haarschnitt.

Die wohnungslosen Menschen bekommen Unterstützung von Sozialarbeitern und Ehrenamtlichen. Wichtig sei dabei das Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“, erklärt Matthias Röhrig. „Ganz bewusst machen wir keine Telefonanrufe, sondern begleiten das nur“. Es gibt zudem eine therapeutische Holzwerkstatt und ein Hauswirtschaftsprojekt, in dem sie Fenster putzen, kochen und Bewerbungen schreiben lernen. So werde das Selbstbewusstsein der Wohnungslosen gestärkt. „Damit sie merken, dass sie mit ihren Händen mehr machen können, als nur eine Bierflasche halten.“ Das langfristige Ziel sei die Vermittlung in Wohnung und Arbeit. Auf diesem Weg sei es oft schon ein Erfolg, wenn die Wohnungslosen mal zum Sozialamt oder zum Arzt gingen, so Röhrig. „Ohne Wohnung keine Arbeit, ohne Arbeit keine Wohnung“, weiß Stefan Müller und lächelt etwas hilflos. Der Krankenpfleger ist nicht der Einzige mit diesem Problem.

Immer mehr Menschen suchen in der Teestube Zuflucht und Hilfe. Mehr als 20 000 Kontakte haben die Mitarbeiter im Jahr. Normalerweise werden 200 bis 250 Postadressen eingerichtet, 2014 seien es mehr als 900 gewesen, weiß Röhrig. Das komme besonders durch das Recht auf Freizügigkeit. EU-Bürger dürfen sich deswegen frei in allen Mitgliedsstaaten bewegen. „Politische Entscheidungen und gesellschaftliche Entwicklungen kommen mit gewisser Verspätung in der Teestube an“, sagt der Sozialarbeiter.

Im Hof sitzen Männer und Frauen mit Wollmützen und dicken Jacken. Hunde balgen, Wodka-Flaschen und Zigaretten-Stummel liegen auf dem Boden. „Hier dürfen sie sein, wie sie wollen“, erklärt Röhrig. Alkohol und Rauchen sei erlaubt, nur das Gewalt- und Drogenverbot der „Minimalsthausordnung“ gilt. Wenn das gebrochen werde, gebe es ein temporäres Hausverbot. „Wir gehen davon aus, dass Menschen sich ändern können“, betont Röhrig.

Die Gäste dürfen auch auf dem Tisch und dem Boden schlafen. Im großen Aufenthaltsraum sind einige an der langen Tafel eingenickt, den Kopf auf die Arme gestützt. Andere spielen oder werkeln in der Schreinerei. „70 Prozent der Menschen hier haben eine psychische Erkrankung“, erklärt Röhrig. Darunter Alkohol- oder Drogensucht und seelische Störungen. In der Teestube findet jeder eine Zuflucht. Doch ab 16 Uhr ist die Tür geschlossen. Dann beginnt für Stefan Müller und die anderen Wohnungslosen die Suche nach warmen Orten. „Besonders am Wochenende weiß ich nicht, wo ich hin soll“, sagt Müller. Er geht dann meistens in die Stadtbücherei, liest, sitzt am Computer. „Da ist es wenigstens warm“, erklärt er. So vertreibt er sich die Zeit bis 20 Uhr. Dann öffnet die Teestube wieder.

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