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Ziemlich schlau – und manchmal Außenseiter

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Von: Ute Fiedler

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Bereits kleine Kinder können ganz schön clever sein.
Bereits kleine Kinder können ganz schön clever sein. © imago/imagebroker

Hanna und Eva müssen gegen viele Vorurteile kämpfen – und mit Neid. Denn sie sind hochbegabt. Und fallen damit in der Schule auf. Die Wissenschaft geht davon aus, dass Hochbegabung zum Teil erblich bedingt ist.

Leicht haben es Hanna und Eva in der Schule nicht. Nicht, weil sie die binomischen Formeln in Mathe nicht kapierten oder die Ringparabel aus Lessings „Nathan der Weise“ nicht deuten könnten. Hanna und Eva sind hochbegabt – und dadurch oft Außenseiter. „Streber“ hallt oft durch den Klassenraum, wenn die Mädchen mal wieder eine gute Note geschrieben haben. „Wir sind keine Streber. Ich lerne wirklich wenig und schreibe deswegen auch mal eine 5“, sagt Eva. Und fügt hinzu: „Dann, wenn ich dachte, ich könnte den Stoff noch schnell auf dem Schulweg lernen“.

Eva ist zwölf, Hanna 15 Jahre alt. Dass ihre beiden Töchter – und sie selbst – hochbegabt sein könnten, daran hatte ihre Mutter Nora Göbel nicht im Traum gedacht. „Klar haben wir gemerkt, dass Eva sich in der Schule langweilte und keine Lust hatte, dorthin zu gehen. Sie war schon immer Altersgenossen – etwa in ihrer sprachlichen Entwicklung – weit voraus, malte ganz wunderbar und spielte wenig mit Barbies oder so, sondern dachte sich Rollenspiele aus“, sagt Nora Göbel.

Hochbegabung zum Teil erblich bedingt

Als Nora Freunden das erzählte, rieten die den Eltern, Eva testen zu lassen. Das Ergebnis schockierte die 40-Jährige. „Eva hat einen extrem hohen IQ. Zwar war ich stolz, aber auch völlig durcheinander“, beschreibt die 40-Jährige ihr Gefühlswirrwarr nach dem Test. „Vor allem die Frage, wie ich mein Kind denn nun fördern sollte, bereitete mir Kopfzerbrechen.“

Und das war nicht das einzige Problem: Zwischen Eva und Hanna verschärfte sich der geschwisterliche Konkurrenzkampf. Jede wollte besser als die andere sein. Schließlich wurde auch Hanna getestet. Und auch Nora Göbel unterzog sich dem Test. Denn die Wissenschaft geht davon aus, dass Hochbegabung zum Teil erblich bedingt ist. Nora Göbels Testergebnisse unterstützten diese These. Und auch Hanna schnitt extrem gut ab.

Während Eva daraufhin eine Klasse übersprang, entschied sich Hanna gegen diesen Schritt und ist heute ganz froh über ihre Entscheidung: Denn so merken ihre Mitschüler und Lehrer nicht sofort, dass sie etwas Besonderes ist. Etwas, das sie gar nicht so gerne sein möchte. „Ich bin eigentlich ganz normal, kann nur schneller Dinge erfassen als andere“, sagt das Mädchen, das sich nachmittags vor allem beim Sport auspowert. „Ich sitze nicht nach der Schule in meinem Zimmer und hantiere mit dem Chemiebaukasten, wie viele denken oder erfinde Roboter wie die Nerds in ,The Big bang Theory‘“, sagt sie. „Und ich gehe auch nicht dauernd ins Museum“, fügt Eva hinzu.

Es gibt viele Vorurteile, mit denen die beiden zu kämpfen haben. Und mit Neid, was vor allem Eva zu spüren bekommt. Wenn die anderen merken, dass Eva nicht viel für gute Noten tun muss, werden sie oft unfair und fangen an, sie zu hänseln. „Das war am Anfang schon schlimm. Aber mittlerweile bin ich abgehärtet. Es ist mir egal, ob ich beliebt bin“, sagt sie.

Vernetzung von hochintelligente Menschen

Für ihre Mutter ist es nur schwer zu ertragen, wenn ihre Kinder erzählen, dass sie in der Schule gemobbt werden. Sie hat ähnliche Erfahrungen in der Schule gemacht. „Ich habe mich immer irgendwie anders gefühlt, vieles nicht mitgemacht. Ich hatte andere Interessen als meine Mitschüler, über manche Witze konnte ich einfach nicht lachen und andersherum verstanden viele mich oft nicht. Ich glaube, viele hielten mich für komisch.“ Doch so sehr es die Wiesbadenerin schmerzt, wenn ihre Kinder ausgegrenzt werden, so weiß sie auch, dass diese Erfahrungen viele Hochbegabte machen und man sich ihnen stellen muss. „Gerade deswegen finde ich es wichtig, wenn hochintelligente Menschen sich vernetzen. Ich bin froh, dass Wiesbaden nun ein Netzwerk Hochbegabung initiiert hat“, sagt sie.

Die Frage, warum ihre Kinder keine Hochbegabten-Schule besuchen, beantworten Hanna und Eva selbst: „Weil wir es nicht wollen. Da sind wir ja noch mehr ausgegrenzt. Und auch die Gesellschaft kann sich nicht an uns gewöhnen“. Vielmehr würden die beiden Mädchen sich wünschen, dass die Lehrer mehr auf ihre Bedürfnisse eingingen. „Das heißt nicht, dass ich mehr und schwerere Aufgaben bekommen möchte. Denn so werde ich ja irgendwie bestraft, dass ich schneller lerne als die anderen“, sagt Hanna. „Die Aufgaben sollten interessanter sein und der Unterricht individueller“, fügt Eva hinzu, die ganz genau weiß, dass dieser Wunsch nur schwierig zu erfüllen ist. Schließlich seien viele Lehrer, die in Klassen mit mehr als 30 Schülern unterrichten, oft überfordert. „Aber wir haben auch Lehrer, die Verständnis zeigen und uns individuell fördern, anstatt uns links liegen zu lassen, weil wir ja gute Noten haben“, sagt die Zwölfjährige.

Wenig lernen und trotzdem gute Noten

Eva hat mittlerweile einen Coach, der sie unterstützt, ihr Selbstbewusstsein stärkt und auch mal zu den Lehrern geht und erklärt, was in Eva vorgeht und wie man sie fördern kann. „Ein Coach kann die Probleme unseres Kindes sehr viel objektiver mit den Lehrern besprechen. Die Lehrer wissen oft einfach nicht, was sie genau tun sollen, um das Kind zu motivieren. Viele haben wenig Ahnung von Hochbegabung, erwarten einfach hohe Leistung. Sie wissen nichts über die speziellen Bedürfnisse dieser Kinder, zum Beispiel über ihre extrem hohe Sensibilität. Von einer neutralen und fachkompetenten Person ist es auch für sie leichter Rat anzunehmen“, erklärt Nora Göbel.

Die drei Göbels sind froh, dass Wiesbaden mit dem Netzwerk Hochbegabung nun einen ersten Schritt getan hat, um Betroffenen Hilfen anzubieten. „Es ist wichtig, das Thema in die Gesellschaft zu rücken, damit uns nicht mehr alle anschauen, als würde uns morgen ein Bein abgenommen“, sagt Hanna. Denn schließlich ist Hochbegabt-Sein auch etwas Tolles, da sind sich Hanna und Eva einig. „Ich finde es prima, dass ich so wenig lernen muss und trotzdem gute Noten habe“, sagt Eva.

Und auch Hanna wertet das schnellere Lernen als Vorteil. „Das wirkt sich ja nicht nur auf die Schule aus. Davon profitiert man beispielsweise auch beim Erlernen einer neuen Sportart oder im Instrumentalunterricht“, sagt die sportliche 15-Jährige. Manchmal könne sie beim Fußball Übungen schneller umsetzen als manch anderer Mitspieler.

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