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Vom Zensor beschnitten

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Von: Ute Fiedler

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Szenenfotos aus dem Film „Große Freiheit Nummer 7“.
Szenenfotos aus dem Film „Große Freiheit Nummer 7“. © Michael Schick

Das Murnau-Filmtheater in Wiesbaden zeigt eine Schau zur Geschichte der Filmzensur. Im Rahmenprogramm laufen berühmte Filmbeispiele, etwa Casablanca. Gut 20 Minuten des Film-Klassikers fielen einst der Zensur zum Opfer.

Das Murnau-Filmtheater in Wiesbaden zeigt eine Schau zur Geschichte der Filmzensur. Im Rahmenprogramm laufen berühmte Filmbeispiele, etwa Casablanca. Gut 20 Minuten des Film-Klassikers fielen einst der Zensur zum Opfer.

Als der Film-Klassiker Casablanca im Jahr 1942 in New York Premiere feierte, ahnte niemand, dass der Streifen, der sich gegen das nationalsozialistische Deutschland wandte, zehn Jahre später zu einer harmlosen Liebes- und Abenteuer-Schmonzette verkommen würde. Denn als das Meisterwerk in Deutschland dem Nachkriegspublikum präsentiert werden sollte, wurde dem Verleiher angst und bange. Eine solch schwere Kost wollte man den Zuschauern so kurz nach Kriegsende nicht zumuten.

So wurde der Film umgearbeitet. Gut 20 Minuten fielen der Zensur zum Opfer. Alle Szenen mit Major Strasser und anderen Nazis wurden herausgeschnitten. Der tschecheslowakische Widerstandskämpfer Victor László wurde zu Victor Larsen, einem norwegischen Atomphysiker, der die rätselhaften Delta-Strahlen entdeckt hat. Captain Renault wurde zu Monsieur Laporte umbenannt und Mitglied der Interpol.

Diese Fassung, die am 29. August 1952 in die deutschen Kinos kam, wird nun im Zuge der Ausstellung „Verboten! Filmzensur in Europa“ im Wiesbadener Murnau-Filmtheater zu sehen sein. Nach Angaben von Swenja Schiemann vom Hamburgischen Centrum für Filmforschung CineGraph ist dieser Fall ein Paradebeispiel für Filmzensur. Das Hamburger Centrum hat diese Ausstellung anlässlich eines Filmfestivals erstellt und bis zum 4. Mai an die Murnau-Filmstiftung ausgeliehen, die die Ausstellung gemeinsam mit der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) mit Schätzen aus dem Fundus angereichert hat.

Neben anschaulichen Erläuterungen an den Wänden, gibt es Plakate, Aushänge und Prüfprotokolle zu sehen. In einem Protokoll zur Premiere des Streifens „Der verzauberte Tag“ ist zu lesen: „Dem Antragssteller ist es zur Auflage zu machen, in der ersten und zweiten Rolle des Filmes die Bilder zu entfernen, in denen auf der Mütze des Stationsvorstehers (Darsteller Hans Brausewetter) das Hoheitszeichen zu sehen ist“.

Auch in vielen weiteren Korrespondenzen ist nachzulesen, welche Auflagen die Filmprüfstellen den Filmemachern gaben. Oder welche Sorgen Landesregierungen plagten, die sich besorgt bei den Prüfstellen erkundigten, was denn nun beispielsweise Thema des Films „Ekstase“ sei.

„Brutstätte für Schmutz und Schund“

„Vor allem die Regierungen von Bayern und Baden-Württemberg waren da sehr aktiv“, erläutert Schiemann. Während zu Beginn des Kinos, das als „Brutstätte für Schmutz und Schund“ galt, Ende des 19. Jahrhunderts vor allem Dorfpolizisten Filme zensierten, wurde eine einheitliche Filmzensur durch die Prüfstellen erst nach dem Entstehen der Weimarer Republik eingeführt. „Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Filmwesen sowieso verstaatlicht, das heißt, es gab kaum Zensur, weil der Staat von Anfang involviert war“, sagt Schiemann. Anschließend war im Westen die FSK für die Filme zuständig, im Osten noch immer der Staat.

Zensiert wurde aber nicht nur aus politischen Gründen. Vor allem in der Nachkriegszeit fielen laut Sebastian Schnurr von der Murnau-Filmstiftung Nacktszenen der Zensur zum Opfer. „In der Weimarer Republik sah man das nicht so eng“, erklärt Schnurr. Nicht nur die Prüfstellen oder Regierungen griffen ein, sondern manchmal auch die Regisseure. So hatte Stanley Kubrick seinen Erfolgsfilm „Clockwork Orange“ in Großbritannien auf eigene Initiative aus dem Verkehr gezogen, da der Film Nachahmer gefunden habe, erläutert Schiemanns Kollegin Erika Wottrich. 27 Jahre lang wurde der Klassiker danach dort nicht mehr gezeigt.

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