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Zeitzeugen auf dem MP3-Player

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Beim audiovisuellen Stadtrundgang "Zeitklang" gibt es keinen menschlichen Stadtführer. Dafür kommen Zeitzeugen über MP3 zu Wort. Von Elisabeth Böker

Von Elisabeth Böker

"Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee war, einen Stadtrundgang zu machen", sagt eine 102-jährige Frau. Ihre Stimme ertönt über einen Kopfhörer, den ich mir gerade aufgesetzt habe, um einen Stadtrundgang durch Wiesbaden zu machen. Zweifelnd und etwas durcheinander ist die Dame zu Beginn. Ebenso die 40 Personen, die am Samstagmittag den Stadtrundgang "Zeitklang" von der Regie-Studentin Anna-Lena Kühner und der Autorin Luise Rist beginnen. Der audiovisuelle Rundgang ist Teil des HR2-Hörfestes.

Los geht es zum Erstaunen der Teilnehmer vor dem Staatstheater ohne einen menschlichen Stadtführer, der sein historisches Wissen über Wiesbaden ausbreitet. Zur Ausrüstung für diese Tour gehört ein MP3-Player sowie eine Butterbrottüte mit Plastikgefäß, Kreide und Kaugummi.

Kasino als Lazarett genutzt

"Es ist lang her, dass ich in dieser Stadt war", ertönt es aus dem Kopfhörer. Dann sieht die Sprecherin das Kasino und beginnt zu erzählen. Im Ersten Weltkrieg sei das Gebäude als Lazarett genutzt worden. Alles sei voll von Verwundeten gewesen, erinnert sich die 102-Jährige. Verwundert war sie über die verletzten Männer, denn den Krieg habe sie selber in Wiesbaden nie gesehen.

Ein anderer Erzähler fordert einen auf, das Kurhaus genau zu betrachten, sich vorzustellen, wie es sei, hier eine Millionen Euro zu gewinnen. Der Hörer soll vor Freude in die Luft springen, dann in die Hocke gehen. Jetzt erfährt man, dass man eben sein ganzes Haus verloren habe. Wie betrachtet man das Gebäude nun?

Luise Rist und Anna-Lena Kühner haben einen interaktiven Stadtspaziergang der besonderen Art entwickelt. Keine historischen Fakten, sondern persönliche Erinnerungen stehen im Mittelpunkt. Hierfür sprachen die junge Regisseurin und die Autorin mit den Bewohnern des Seniorenheims für Blinde und Sehende der Nassauischen Blindenfürsorge. Die älteste Gesprächspartnerin war 102 Jahre alt und hat den Kaiser noch selbst auf den Straßen Wiesbadens gesehen. Die Bewohner erinnerten sich an die Wiesbadener Brunnenmädchen, den Gebrauch des salzigen Quellwassers zum Kochen oder den Blick auf die Feuersbrunst am Nachthimmel nach Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg.

Erinnerungen von der Kaiserzeit bis in die jüngste Vergangenheit hört man in einer Collage aus Text, Ton und literarischen Aussagen auf dem Weg vom Staatstheater, über den Kochbrunnen, zum Synagogenplatz bis zum Marktbrunnen. In diese Erinnerungen wird der Hörer eingebunden. Immer wieder wird er aufgefordert, sich vorzustellen, was die Stadt alles schon gesehen hat, wer früher über das Kopfsteinpflaster ging oder aus den Fenstern schaute. Am Ende kann jeder Teilnehmer sich zur Erinnerung mit dem Stück Kreide auf dem Pflaster verewigen und sich dabei überlegen, ob es eine gute Idee war, an diesem Stadtrundgang teilzunehmen.

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