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Auf den Zahn gefühlt

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Von wem stammt das Zitat? Mit einem Sprung an die Box wird die Antwort amtlich.
Von wem stammt das Zitat? Mit einem Sprung an die Box wird die Antwort amtlich. © Laura de Luca

Der Stadtjugendring checkt bei „Jump’n’Run“ spielerisch Politiker und Wahlversprechen. Ein Wettbewerb, der dem Videospiel „Super Mario Bros.“ ähnelt. Politiker von fünf Parteien sollen zu ihren früheren und ihren aktuellen Wahlversprechen Stellung beziehen.

Von Mirjam Ulrich

Mega Idee! Statt eine dröge Podiumsdiskussion zum Thema Jugendpolitik zu veranstalten, hat sich der Stadtjugendring (SJR) zur Kommunalwahl etwas Neues ausgedacht: „Jump’n‘Run – Politik kommt an“. Ein Wettbewerb, der dem Videospiel „Super Mario Bros.“ ähnelt. Politiker von fünf Parteien sollen zu ihren früheren und ihren aktuellen Wahlversprechen Stellung beziehen. Erkennen sie sie überhaupt noch? Um das herauszufinden, wollen zehn Mitglieder der AG Jugendpolitik des SJR die Politiker auf der Bühne der Wartburg laufen und springen lassen wie jenen kleinen Klempner.

Das Junge Staatstheater habe sofort seine Kooperation zugesagt, bedankt sich Michael Weinand vom SJR zu Beginn in der ausverkauften Wartburg. Auch die Politiker seien bereit gewesen, sich darauf einzulassen. FDP, Grüne, Linke und SPD sind mit drei prominenten Mitgliedern vertreten, die CDU geht nur mit zwei Kandidaten ins Rennen.

Weinand erläutert kurz die Regeln: Das Spiel dauert zwei Runden. Es gilt, erst zwölf Wahlversprechen aus dem Jahr 2011, dann zwölf aktuelle Wahlversprechen korrekt der jeweiligen Partei zuzuordnen. Es können aber auch Forderungen des SJR darunter sein. Wer als Erster von unten gegen den Würfel einer Partei oder des SJR springt, gewinnt oder verliert einen Punkt – die Melodien aus dem Videospiel signalisieren es. Danach bekommt ein Politiker der Partei, aus deren Wahlprogramm das Statement stammt, 30 Sekunden Zeit, um dazu etwas zu sagen. Das Publikum stimmt mit grünen oder roten Karten ab, ob es das glaubt oder eben nicht.

„Taschenrechner und Spickzettel jetzt bitte weglegen“, mahnt Michael Weinand, bevor es losgeht. Zu Recht, hat doch Christian Diers, Spitzenkandidat der FDP, deren Wahlprogramm von 2011 unter dem Stuhl liegen. Bei den ersten beiden Statements punktet keiner, die Schnellsten ordnen die Aussage der CDU zum internationalen Jugendaustausch fälschlicherweise den Grünen zu und die Forderung der Linken, ein innenstadtnahes Jugendzentrum zu errichten, dem Stadtjugendring.

Den ersten Punkt holt André Weck, der jugendpolitische Sprecher der CDU. Er weiß noch, dass auch die SPD 2011 versprach, sich für die Errichtung eines innenstadtnahes Haus der Jugend einzusetzen. „Gut Ding will Weile haben“ sagt SPD-Spitzenkandidat Christoph Manjura dazu. Die Jugendverbände bekommen jetzt ein „kleines Haus der Jugend“ im Bebop. Das junge Publikum zeigt sich mäßig überzeugt.

In Christian Diers erwacht der sportliche Ehrgeiz. Beim Wahlversprechen der FDP zum Ausbau des Jugendparlaments springt er so heftig gegen den Würfel seiner Partei, dass der danach erst einmal repariert werden muss. Lautes Gelächter, aber der Punkt ist ihm sicher. Doch zwei Runden später verliert er ihn wieder.

Zweimal Pech hat Felix Kisseler, der jugendpolitische Sprecher der Grünen. Er hält den Wunsch des SJR nach einer Koordinierungsstelle für die Zusammenarbeit zwischen Jugendverbänden und Schulen irrtümlich für eine Aussage der SPD. „Warum habt Ihr das nicht gefordert?“, ruft er scherzhaft den Sozialdemokraten zu. „Schämt Euch!“ Weil die Grünen in ihrem aktuellen Wahlprogramm zur Jugendleitercard Juleica Stellung beziehen, ordnet er das ähnlich formulierte Wahlversprechen der CDU der eigenen Partei zu. Die beiden CDU-Kandidaten bleiben derweil sitzen – wie alle anderen Politiker auch.

Nachdem Dennis Volk-Borowski mehrfach für die SPD gepunktet hat, liegt er bei der Aussage seiner eigenen Partei, wie sie den Stadtjugendring unterstützen will, daneben und tippt auf die FDP. Da kann auch Christoph Manjura anschließend mit seinem Statement nichts mehr retten, die Zuschauer zeigen ihm lauter rote Karten. Die bekommt auch Lucas Schwalbach von der FDP bei seinem Statement zur Kinderarmut in Wiesbaden massenweise zu sehen.

Mehrfach springen die Volksvertreter synchron und punkten für ihre jeweilige Partei. Am Ende führt die CDU mit vier Zählern – die hat „Super Mario“ André Weck im Alleingang geholt, denn Bernhard Lorenz bleibt die ganze Zeit auf seinem Sitz kleben. Jeweils auf drei Punkte kommen SPD und FDP, Grüne und Linke liegen mit je zwei Punkten gleichauf. Wer jeweils den etwas größeren Pokal bekommt, entscheidet sich durch drei Runden Schere-Stein-Papier.

Zu den rund 150 Besucherinnen und Besuchern zählt auch Dana Gottwald. Zwar wusste die Abiturientin schon vorher, wen sie wählen will, „Jump’n’Run“ findet sie aber unterhaltsam. Nur die Statements seien mit 30 Sekunden zu kurz. „Es ist schwierig, zu folgen“, sagt die 18-Jährige. „Ich glaube nicht, dass das, was sie sagen, stimmt, aber das ist immer so in der Politik.“ Für den Erstwähler Paul Lutz liegt gerade in der Kürze die Würze. „Man kann sich unter Zeitdruck nicht herausreden.“ Durch die Statements habe er mehr erfahren, als erwartet.

Beim gemeinsamen Burger-Essen im Anschluss suchen etliche Jugendliche das Gespräch mit den Politikern, bevor das Junge Staatstheater noch „Die fetten Jahre sind vorbei“ aufführt. Michael Weinand wertet den Info-Abend als „Riesenerfolg für uns“. Schade nur, dass lediglich zwei der angeschriebenen Schulen auf die Einladung reagiert haben. Hat doch die Veranstaltung gezeigt, dass sich Jugendliche für Kommunalpolitik interessieren, wenn das Format stimmt.

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