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Würde kostet kein Geld

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Von: Christina Franzisket

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Schon heute leben mehr als 3000 arme Rentner in Wiesbaden. Halina Kur ist eine von ihnen. Sie lebt von Sozialhilfe und leidet unter ihrer Armut, klagen will sie aber nicht

Schon heute leben mehr als 3000 arme Rentner in Wiesbaden. Halina Kur ist eine von ihnen. Sie lebt von Sozialhilfe und leidet unter ihrer Armut, klagen will sie aber nicht

Halina Kur hat ein ansteckendes Lachen. Fotos, die in ihrem Flur hängen, zeigen sie an Fasching, lustig verkleidet und immer strahlend.

Doch die 67-Jährige hat heute nicht mehr oft Grund zum Lachen. Gesundheitlich ist es um sie nicht bestellt, sie kann kaum gehen, hat Rheuma und Diabetes. Jeden Tag kommt ein Pflegedienst in die kleine Wohnung am Schlemengraben, hilft ihr bei Körperhygiene und Haushalt.

Nicht nur an Gesundheit fehlt es der herzlichen Frau, sondern auch an Geld zum Leben. Die ehemalige Altenpflegerin bekommt eine Rente von 865 Euro, das reicht gerade so für die Miete ihrer 58 Quadratmeter großen Wohnung. Nur mit Hilfe der Grundsicherung vom Sozialamt kann sie ihren Lebensunterhalt bestreiten. „Ich habe alles, was ich brauche“, sagt sie tapfer.

Wohnung nicht altengerecht

Ihre Wohnung ist nicht altengerecht und bereitet der Rentnerin Schwierigkeiten im Alltag. Sie kommt nicht allein in die Badewanne, eine Dusche gibt es nicht. Nicht einmal vor die Tür kommt sie ohne Hilfe, denn sie müsste einige Stufen überwinden. Ihr Fenster zur Außenwelt und der „einzige Luxus“ den sie sich leistet, ist ein Internetzugang. „Mein neues Hobby“, sagt sie und zeigt auf einen alten Computer. Den habe ihr eine Nachbarin geschenkt, „damit ich mich beschäftigen kann“. Ihre Nachbarinnen kümmern sich rührend um sie, erzählt Kur. „Sie bringen mir etwas Essen und unterhalten sich mit mir.“

Ihre Wohnung strahlt Gemütlichkeit aus. Ihre Küche glänzt. Kur freut sich, wenn Besucher ihr Zuhause loben. Dann lächelt sie und streicht die Tischdecke glatt.

Kur stammt aus Polen, dort arbeitete sie viele Jahre als Altenpflegerin. Als sie 1989 nach Wiesbaden zog, besuchte sie eine Pflegeschule und bekam eine Anstellung im Moritz-Lang-Haus am Schlemengraben. Dort passierte ein Unglück: Eine alte Frau wäre beinahe aus dem Bett gefallen, erzählt sie. Halina Kur warf sich ihr entgegen und brach sich dabei selbst einen Halswirbel. Seitdem war sie arbeitsunfähig.

Eine Dame von der städtischen Altenhilfe betreut Halina Kur. Die Pflegerin sagt, es gebe viele Gründe warum Frau Kur wenig Rente bekommt. Für gerecht hält sie keinen. „Es ist wie es ist“, sagt Kur. Sie will nicht klagen.

Doch dass es ihr an allen Ecken und Enden fehlt, ist offensichtlich: Vor kurzem ist ihr Herd kaputt gegangen. Einen Neuen konnte sie sich nur durch Ratenzahlungen leisten. „Wenn etwas kaputt geht, habe ich ein Problem“, sagt sie.

Im Flur steht nur ein Paar Schuhe, die trägt sie das ganze Jahr über. „Das muss reichen.“ Und plötzlich kann sie ihren Schmerz nicht mehr weglachen und bricht in Tränen aus: „Ich kann mir nicht einmal neue Unterwäsche leisten“, schluchzt sie. Ein schreckliches Gefühl sei das. Sie tupft sich die Tränen aus dem Gesicht. „Doch wichtiger als alles Geld auf der Welt ist, dass ich nicht alleine bin.“ Wünsche habe sie ohnehin keine mehr. „Ich habe doch alles“, sagt sie und lacht schon wieder.

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