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Corona hat den Winter für Obdachlose noch einmal härter gemacht.
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Corona hat den Winter für Obdachlose noch einmal härter gemacht.

Wiesbaden

Wohnsitzlose in Wiesbaden: Erfrorene Zehen und entzündete Haut

Menschen, die auf der Straße leben, leiden unter der Pandemie gesundheitlich und psychisch. Der Leiter einer Wiesbadener Teestube berichtet.

In diesem Winter sind in Wiesbaden fünf wohnsitzlosen Männern Zehen erfroren; sie mussten amputiert werden. Einem weiteren Mann mussten als Folge von Erfrierungen beide Beine abgenommen werden. Matthias Röhrig, Leiter der Teestube des Diakonischen Werks, wertet diese Vorkommnisse als eine Folge der Pandemie. „Die Wohnsitzlosen haben seit einem Jahr keine Möglichkeit, im Warmen unterzukommen“, erklärt Röhrig. Kaufhäuser und Einkaufspassagen, wo sich die Männer und Frauen sonst aufwärmen können, waren geschlossen. Auch die Teestube, wo sich die Menschen ohne eigenes Zuhause aufhalten, duschen können und eine warme Mahlzeit erhalten, hat nur eingeschränkt geöffnet, die warmen Mahlzeiten entfallen ganz. Die Corona-Pandemie hat den Menschen, die auf der Straße leben, stark zugesetzt. Röhrig ist froh, dass die Landeshauptstadt einen Ethikfonds ins Leben gerufen hat, mit dem er Krankenhausrechnungen bezahlen kann. Ein Mann mit erfrorenen Zehen ist Rumäne ohne Krankenversicherung.

„Die Wohnsitzlosen leiden unter sozialer Einsamkeit und haben Angst, dass das Ordnungsamt die Gruppen auseinandertreibt“, berichtet die Krankenschwester Karina Matheis, die ehrenamtlich zweimal wöchentlich kleinere Wunden der Wohnsitzlosen in der Teestube versorgt und Verbände legt. Ihr Leben sei noch perspektivloser geworden, sagt sie. Aus Frust würde noch mehr getrunken, Hochprozentiges. Sie prügelten sich öfter, berichtet Matheis. Mangelernährung nehme zu.

Entzündliche Hauterkrankungen, Augenentzündungen, Schnittverletzungen, Verbrennungen, Verletzungen durch Schlägereien und Frakturen – das sind die Beschwerden, mit denen Wohnsitzlose gemeinhin in die Sprechstunde von Sievert Seebens in der Teestube kommen. Einmal wöchentlich behandelt er auf ehrenamtlicher Basis dort Menschen mit oder ohne Krankenversicherung unentgeltlich. Um sich nicht selbst zu gefährden, hatte der Arzt die Sprechstunde für einige Monate ausgesetzt. Die medizinische Versorgung war dadurch weggebrochen. Am Mittwoch hat Seebens die Sprechstunde erstmals wieder abgehalten. Zwölf Männer und Frauen hat Seebens behandelt. Das Angebot habe sich schnell wieder herumgesprochen. „Die Not treibt sie her“, sagt Röhrig.

„Die medizinischen Probleme haben sich durch die Pandemie nicht verändert, aber sie haben sich verschärft“, fasst Seebens seinen Eindruck zusammen. Da Kaufhäuser, Cafés und Kneipen geschlossen haben, könnten sich die Wohnsitzlosen seltener die Hände waschen. Sie kratzten sich mit schmutzigen Fingern ihre Wunden auf, die sich dadurch entzündeten. Die Prügeleien brächten Verletzungen mit sich. Der noch stärkere Alkoholkonsum habe die ohnehin vulnerable Gruppe gesundheitlich noch anfälliger gemacht. Sie litten zudem unter psychischen Auffälligkeiten.

In der vergangenen Woche sind die Wohnsitzlosen in Wiesbaden erstmals gegen Covid-19 geimpft worden. Nachdem sie in sechs Wochen die zweite Impfung erhalten haben werden, könne die Teestube hoffentlich ihr Angebot wieder erweitern, wünscht sich Röhrig. Karina Matheis hofft, dass die Menschen ohne eigene Wohnung dann wieder ihre Tagesstruktur finden, weniger Alkohol trinken und die Zahl der Verletzungen abnimmt.

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