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Demo ohne Menschen: „Wir stehen sehr alleine“

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Von: Yağmur Ekim Çay

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Jürgen Schneider muss seine Frau pflegen und wünscht sich bessere Bedingungen.
Jürgen Schneider muss seine Frau pflegen und wünscht sich bessere Bedingungen. © Michael Schick

Demonstration für bessere Bedingungen in der häuslichen Pflege vor dem Landtag / Der pflegende Angehörige erzählt seine Geschichte

Auf einem der vielen Schilder vor dem Landtag in Wiesbaden am Mittwoch steht „57 Jahre Vollzeitpflege meines Ehemanns – wo sind für mich Anerkennung und Erholung?“. Daneben sind der 66-jährige Jürgen Schneider und seine Frau Monika zu sehen. Sie sind für die „Demo ohne Menschen“ von Pfungstadt nach Wiesbaden gefahren und setzen sich für bessere Bedingungen in der häuslichen Pflege ein.

Monika Schneider ist seit 2007 pflegebedürftig. Im Alter von 46 Jahren erlitt sie eine Hirnblutung, lag sechs Monate im Koma und kann seitdem nicht mehr laufen, hat nur noch ein Kurzzeitgedächtnis und ist auf die Hilfe ihres Mannes angewiesen. „Ich muss sie jeden Tag aus dem Bett holen, sie waschen, den Haushalt machen, sie pflegen, und das mache ich schon seit 15 Jahren“, sagt Jürgen Schneider der Frankfurter Rundschau. Am Anfang habe er sich die Pflegearbeit mit der Schwiegermutter geteilt, um seinen Beruf nicht aufgeben zu müssen. „Ich habe jeden Tag gearbeitet und mich dann um sie gekümmert, bis ich es irgendwann nicht mehr konnte.“

Wiesbaden, 21.09.2022
Auf die Situation macht der Sozialverband VdK Deutschland mit 70 Schildern vor dem Landtag aufmerksam. © Michael Schick

Heute ist er in Rente und pflegt seine Frau in Vollzeit. Eine belastende Aufgabe. „Ich kann nichts mehr machen, nicht mal für eine Stunde einkaufen gehen.“ Als er zuletzt krank wurde und ins Krankenhaus musste, habe er 15 Pflegeheime angerufen, aber niemand wollte seine Frau aufnehmen. „Wir pflegende Angehörige stehen sehr alleine“, sagt der 66-Jährige. Die Gesetzgebung und die Bürokratie seien immer sehr kompliziert gewesen, und niemand habe ihm geholfen. Ambulante Pflegedienste in Anspruch zu nehmen, bedeute, viel weniger Pflegegeld zu bekommen. Doch darauf ist das Paar angewiesen.

Demo Ohne Menschen: Rund 320.000 Menschen in Hessen sind pflegebedürftig

Die 61-jährige Monika Schneider ist eine von vielen. Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Hessen liegt bei rund 320 000. Mehr als 82 Prozent werden zu Hause gepflegt, meist von Familienmitgliedern und Bekannten. Auf die Situation der Schneiders und anderer macht der Sozialverband VdK Deutschland mit 70 Schildern aufmerksam, die er am Mittwoch in Wiesbaden aufgestellt hat.

„Wer pflegt, hat keine Zeit, selbst auf die Straße zu gehen und zu protestieren. Deshalb haben bei dieser ‚Demo ohne Menschen‘ 70 Schilder mit den Botschaften von Pflegenden stellvertretend für diese die Politik zum Handeln aufgefordert“, sagt der Verband. „Vor allem brauchen wir bessere Beratung und mehr Unterstützungs- und Entlastungsangebote für pflegende Angehörige“, sagt der Landesvorsitzender Paul Weimann. „Insbesondere in ländlichen Regionen fehlt es an einer entsprechenden Infrastruktur.“ Pflegestützpunkte müssten weiter ausgebaut werden, Gleiches gelte für ambulante Pflege- und Unterstützungsleistungen im Alltag. „Hier sind auch die Kommunen in der Pflicht, eine ausreichende Versorgung sicherzustellen.“

Weitere Informationen zu der Aktion „Demo ohne Menschen“ gibt es online unter: www.vdk.de/hessen-thueringen

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