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"Wir müssen selbst die Ärmel hochkrempeln"

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Von: Christina Franzisket

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Jutta Pauli ist Vorsitzende von Silberstreifen. Der Verein setzt sich gegen Altersarmut in Wiesbaden ein. Pauli spricht im FR-Interview über Brüche im Leben, sparen und spenden.

Frau Pauli, wie steht es um die alten Menschen in Wiesbaden?

Man kann sehen, wie die Altersarmut zunimmt. In Wiesbaden ist heute etwa jeder Zwanzigste betroffen, in fünf Jahren wird es jeder achte Mensch sein, der alt und arm ist. Es ist auch kein Wunder. Früher war man mit 75 oder 80 Jahren schon sehr alt. Die Rentner heute werden aber spielend 90 Jahre alt. Das heißt, sie sind rund 30 Jahre im Ruhestand. So viel kann man ja im Leben nicht sparen!

Aber kommt man nicht als Rentner mit weniger Geld zurecht?

Im Gegenteil. Im Alter braucht man sogar noch mehr. Wenn der Köper nicht mehr so will, muss eine Haushaltshilfe her, wenn man mal wohin will, braucht man ein Taxi. Inkontinente brauchen Windeln, sie glauben nicht, was die kosten! Oder wenn die Waschmaschine kaputt geht, ein Rentner geht nicht mal eben in den Waschsalon, wie ein Student. Da muss ein neues Gerät her. Wer das Geld dafür nicht auf dem Konto hat, der hat Pech.

Wie kommt es zur Armut im Alter?

Oft hängt es mit Brüchen in der Erwerbstätigkeit zusammen. Die haben Frauen häufiger, wegen der Kindererziehung. Aber auch eine Zeit ohne Arbeit, eine Scheidung, oder Berufsunfähigkeit kann zur Armut im Alter führen. Sogar Menschen, die durchgehend Arbeit hatten, aber einen Beruf in dem man wenig verdient, bekommen finanzielle Schwierigkeiten. Auch wenn sie bescheiden gelebt haben.

Aber wie kann man sich denn dann überhaupt vor Altersarmut schützen?

Der Job allein nützt nichts mehr. Sie müssen sparen. Das Geld in einem Haus anlegen oder einer Lebensversicherung. Wenn sie nicht viel verdienen, dürften sie eigentlich gar nichts ausgeben, müssen alles sparen. Nur dann können sie ihre Rentenzeit ohne Grundsicherung überstehen.

Das klingt ja beinahe unmöglich.

Die Zeiten, in der der Staat für alles verantwortlich war, sind vorbei. Wir müssen selbst die Ärmel hochkrempeln.

Was können wir tun, außer Geld zu sparen?

Wir müssen anfangen klar zu sehen. Armut kann jeden treffen. Die Menschen, denen es gut geht, müssen mehr für andere da sein. Das passiert in Wiesbaden zum Teil schon so. Menschen spenden auch an Silberstreifen. Das stimmt mich froh und lässt mich hoffen. Doch Geld allein hilft nicht gegen Altersarmut. Viel schlimmer ist soziale Armut. Wir Menschen müssen in Zukunft mehr für einander da sein.

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