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Windpark auf dem Taunuskamm bei Wiesbaden könnte schon lange Strom liefern

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Von: Madeleine Reckmann

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Die Fichten auf der Hohen Wurzel sind abgestorben.
Die Fichten auf der Hohen Wurzel sind abgestorben. © Renate Hoyer

Verantwortliche sehen die Anlage auf der Hohen Wurzel als Beitrag zur Energiesicherheit. Das Gerichtsurteil dazu steht noch aus.

Der Blick von der Hohen Wurzel über die Hügel abwärts zum Rhein ist traumhaft schön. Aber er sorgt für Beklemmung, denn er zeigt, wie weit der Klimawandel fortgeschritten ist. Vor vier Jahren konnte man von der 614 Meter hohen Taunushöhe aus nicht so weit ins Tal schauen, weil Bäume die Aussicht versperrten. Nach den vergangenen Hitzesommern ist von dem Wald wenig übrig geblieben. Der Berg ist kahl, einzelne tote Stämme ragen gespenstisch in den Himmel. Der 133 Meter hohe Fernmeldeturm war früher hinter Bäumen versteckt, heute ist er aus einigen Hundert Meter Entfernung zu sehen.

Rechtsstreitigkeiten verzögern das Projekt

„Genau hier möchten wir den Windpark bauen“, erklärt Gabriele Schmidt, Geschäftsführerin der Wiesbadener Gesellschaft Taunuswind. 2012 hatte die Wiesbadener Stadtverordnetenversammlung den Windpark mit zehn Anlagen beschlossen. Eigentlich hätte er 2017 in Betrieb gehen sollen und seitdem 85 000 Megawattstunden im Jahr Strom erzeugen können, so viel wie 22 000 Drei-Personen-Haushalte verbrauchen. Aber verschiedene Rechtsstreitigkeiten verzögern das Projekt. Aktuell liegt der Fall beim Verwaltungsgerichtshof in Kassel. Bis er entschieden wird, wird es dauern.

Windenergie Eswe

Eswe Versorgung engagiert sich bei zehn Windparks, an denen die Gesellschaft unter anderem zusammen mit der Thüga Erneuerbare Energien und der KMW Anteile hält.

Der Windpark in Uettingen in Unterfranken bei Würzburg gehört der Eswe alleine. Die drei Windkraftanlagen produzieren 19 000 Megawattstunden Strom im Jahr.

Eswe Versorgung hält indirekt Anteile am Windpark Heidenrod und an Gesellschaften mit eigenen erneuerbare Energien-Portfolios. Damit sind 2021 mehr als 100 MW Wind- und Fotovoltaik-Erzeugungsleistung der Gesellschaft zuzuschreiben.

Wie zum Beweis, dass sich die Windkraft auf der Hohen Wurzel lohnen würde, weht starker Wind an jenem Septembertag. Die Wiesbadener SPD hat zum Ausflug auf den Taunushauptkamm eingeladen, um in der aktuellen Energiekrise daran zu erinnern, wie notwendig der Windpark vor Wiesbadens Haustür ist. 7,1 Meter in der Sekunde stark pustet der Wind dort durchschnittlich. „Das ist eines der windreichsten Orte in Hessen“, sagt Schmidt, während der Regen der Gruppe ins Gesicht peitscht, „wenn wir hier nicht bauen, baut jemand anderes“, ist sie überzeugt. Skeptiker:innen könnten einwenden, dass die Fakten wenig Raum für Hoffnung lassen. Der Teilplan Erneuerbare Energien des Landes (TPEE), der raumplanerische Vorrangflächen für Windkraft definiert, erlaubt auf dem Gebiet seit 2019 keine Windkraftanlagen. Man muss tief in das Gezerre von Behörden, Politik und Gerichten einsteigen, um nachzuvollziehen, warum der Windpark noch nicht gebaut wurde. 2016 lehnte das Regierungspräsidium Darmstadt (RP) das Vorhaben unter anderem aus grundwasserrechtlichen Gründen ab. Gutachten wiesen später nach, dass keine Gefahr für das Grundwasser bestehe. Die Klage gegen den Ablehnungsbescheid des RP hat die Taunuswind-Gesellschaft 2020 gewonnen. Taunuswind habe nachgewiesen, dass sie genug unternehme, um zu verhindern, dass Betriebsstoffe in den Boden sickerten, begründet das Verwaltungsgericht. Auch aus naturschutzrechtlicher, baurechtlicher und denkmalrechtlicher Sicht sei der Windpark zu genehmigen. Zudem – und das lässt Schmidt überzeugt sein, dass der Windpark kommt – , habe der TPEE wegen Abwägungsfehlern keine Gültigkeit für die Hohe Wurzel. Das RP und die Stadt Taunusstein, auf deren Gemarkung vier Anlagen geplant sind, legten aber Berufung ein.

Erdkabel bis Dotzheim

„Von hier aus würde der Strom erdverlegt bis Dotzheim fließen und dort ins Netz eingespeist“, erläutert Jörg Höhler, Vorstandsmitglied von Taunuswind-Mutter Eswe-Versorgung, den Vorteil für die Landeshauptstadt. „Der Krieg gegen die Ukraine hat deutlich gemacht, dass wir uns energetisch vom Ausland unabhängig machen müssen“, sagt er, dieser Windpark könnte einen Beitrag dazu leisten. Modernere Anlagen könnten sogar noch mehr Strom erzeugen. Die Sorge um den Wald, die frühere Debatten beherrscht haben sollen, hat sich erledigt. Es gibt ihn nicht mehr.

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