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Wiesbadens Verkehrsbetriebe-Chef: „Wir nötigen den Beschäftigten gerade viel ab“

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Von: Madeleine Reckmann

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Jan Görnemann ist seit Ende 2021 Geschäftsführer des Wiesbdener Nahverkehrsunternehmens Eswe.
Jan Görnemann ist seit Ende 2021 Geschäftsführer des Wiesbdener Nahverkehrsunternehmens Eswe. © ROLF OESER

Jan Görnemann, Geschäftsführer der Verkehrsbetriebe Eswe in Wiesbaden, spricht über sein Vorgehen gegen Untreue, Entlassungen auf Führungsebene und Rückschläge bei der Umstellung auf Elektrobusse.

Jan Görnemann ist wieder in der Werkstatt anzutreffen. Der Geschäftsführer des Wiesbadener Verkehrsunternehmens Eswe berät mit drei Mechanikern, wie mit dem Dieselbus zu verfahren ist, dessen Unterboden verrostet ist. Die Ersatzteile liegen bereit. Der 13 Jahre alte Bus soll repariert werden.

Herr Görnemann, wie geht es Ihnen nach sieben Monaten bei Eswe Verkehr? Wie man hört, sind Sie dabei, im Betrieb aufzuräumen. Bei Eswe Verkehr herrschten Untreue, Bereicherung und ein kompliziertes System von teils unberechtigten Zulagen. Sie nehmen sich vor, das zu ändern.

Es geht mir gut. Schritt für Schritt kommen wir voran. Den Kolleg:innen wird klar, dass das Unternehmen eine Veränderung braucht. Die Mühsal beginnt damit, dass man sich selbst verändern muss. Das muss man mit Wertschätzung begleiten. Wir nötigen den Kolleg:innen darüber hinaus gerade viel ab: Krieg, Inflation, Hitzewelle und eine Gesellschaft unter Anspannung. Ich würde mich freuen, wenn die Kund:innen, sobald sich die Bustür öffnet, sagen würden: ,Guten Tag‘ oder ‚Wie schön, dass Sie da sind‘.

Haben Sie noch Fluchtfantasien wegen des schlechten Zustands des Betriebs? Im März sagten Sie, dass Sie die Stelle nicht angenommen hätten, wenn Sie gewusst hätten, was auf sie zukommt.

Als Geschäftsführer trägt man Verantwortung für die Stadt, die Mitarbeiter:innen und die Kund:innen. Selbstverständlich stelle ich mich meinen Aufgaben.

Es sollen Köpfe gerollt sein. Nach den beiden Geschäftsführern haben sechs Führungskräfte das Unternehmen verlassen: Der Leiter für Koordination und Innovation, der Vertriebschef, der Leiter des Fahrbetriebs, der Personalchef, die Betriebsleiterin Nerobergbahn und die frühere Personalchefin.

Ich habe eine Personalsituation vorgefunden, in der sich einige Kolleg:innen bereits innerlich verabschiedet hatten. Von diesen haben wir uns mit Respekt getrennt. Die zweite Gruppe handelte im Gleichschritt mit den früheren Geschäftsführern, sie haben deren schlechtes Verhalten gedeckt und unterstützt. Von diesen Kolleg:innen haben wir uns getrennt, nachdem klar wurde, dass eine weitere Zusammenarbeit nicht funktioniert. Im Vergleich dazu gibt es aber auch Führungskräfte, die stets dokumentiert darauf hingewiesen haben, dass sich auch die Geschäftsführung an Recht und Gesetz halten muss. Dann gibt es noch eine dritte Gruppe, die ist dauerkrank und noch im Unternehmen. Es gibt Führungskräfte, die sich schwer mit dem Gedanken tun, dass auch sie sich verändern müssen. Man kann aber nicht nur eine Erwartungshaltung an andere haben.

Wie wirkt sich das aufs Betriebsklima aus?

Es gibt Kolleginnen, die jetzt richtig aufblühen und aktiv sind – und das sind die allermeisten. So eine Veränderung ist ein Prozess. Wir stehen erst am Anfang. Es ist menschlich, mit Veränderungen zu hadern. Es kann aber nicht jeder das weiter tun, was er immer schon gemacht hat. Manche Kolleg:innen erhalten andere Aufgaben, es gibt andere Themen und Inhalte. Aber die Menschen sind doch kompetent, sie können sich der Veränderung noch stellen. Daran arbeiten wir gemeinsam.

Wenn es weniger Geld gibt, kratzt das schon an der Motivation. Sie haben die Zulagen, die die Günstlingswirtschaft ausmachte, gestrichen: etwa die acht Prozent Mitarbeiter-Gewinnungszulage, die Anwesenheitsprämie.

Wieder ein Beispiel für unzutreffende Gerüchte. Wir nehmen das zurück, was eindeutig gegen Recht und Gesetz verstößt und unter Tarifvorbehalt steht. Alle anderen Änderungen sind mitbestimmungspflichtig. Der Betriebsrat muss zustimmen. Diese sogenannte Gewinnungszulage kann man nicht streichen, die wurde damals arbeitsvertraglich entsprechend eingetütet. Gemeinsam mit dem Betriebsrat wollen wir eine objektive wie subjektive Gerechtigkeit in die Bezahlung bringen. Die Entlohnung soll auch im Vergleich zu anderen Verkehrsunternehmen in Rhein-Main angemessen und gerecht sein. Der neue Betriebsrat macht da auch Vorschläge. Das hat es jahrelang so nicht gegeben.

Und die Anwesenheitsprämie?

Die kriegt jetzt jeder, unabhängig von der Anzahl der Anwesenheitstage. Der Grund: Wir wollen nicht, dass Menschen krank zur Arbeit kommen! Um das finanzieren zu können, müssen wir die Prämie für alle reduzieren. Von 220 auf 180 Euro. Aber auch sie muss abgelöst werden. Das komplizierte Gefüge von diesen und weiteren Zulagen aufzuarbeiten, ist ein langer Prozess. Ich komme mir manchmal vor wie ein Feuerwehrmann, der dafür kritisiert wird, dass er ein Feuer löscht.

So schlechte Stimmung?

Da geht es um sehr wenige Einzelne. Wir haben einen unabhängigen Ombudsmann eingeführt, an den sich jeder wenden kann, der etwas zu kritisieren hat. Außerdem gibt es auch eine Online-Sprechstunde mit der Geschäftsführung. Ich lege Wert darauf, dass wir uns an Regeln halten. Es gibt schließlich Loyalitäts- und Treuepflichten im Unternehmen, diese sind in jedem Arbeitsvertrag geregelt.

Es sollen mindestens 50 Busfahrer in andere Verkehrsunternehmen gewechselt sein.

Es sind von Jahresbeginn bis Ende Juli 55 Busfahrer ausgeschieden, zehn davon aufgrund von Renteneintritt. 38 Mitarbeiter sind neu gekommen, darunter auch die ersten Rückkehrer. Es gibt in allen Verkehrsunternehmen eine hohe Nachfrage nach Busfahrern. Aber es ist nicht so, dass dort besser gezahlt wird als bei uns. Es gibt Unternehmen, die quasi Zwölf-Stunden-Schichten verlangen, andere liegen so weit vom Wohnort entfernt, dass die Fahrtkosten zu hoch sind.

Im März beklagten Sie, dass CDU und FDP in der Stadtverordnetenversammlung und im Aufsichtsrat durch unangemessene Kritik an Verkehrsdezernent Kowol (Grüne) und Ihren Vorschlägen jede Verbesserung konterkarierten. Hat sich das geändert?

Es hat Gespräche gegeben, in denen alle über ihren Schatten gesprungen sind. Das hat mich sehr gefreut. Der neue Betriebsratsvorsitzende ist auch der neue stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende. Im Aufsichtsrat haben wir sehr gute Gespräche geführt. Ich habe meine Erwartung formuliert, dass ich nur mit Unterstützung eines zweiten Geschäftsführers arbeiten kann. Mit Martin Weis konnten wir einen Partner meines Vertrauens gewinnen, der auch den Aufsichtsrat überzeugte. Für die nächste Zeit ist das eine gute Aufteilung. Weis ist für das Kaufmännische zuständig und ich für das Technische und das Busgeschäft.

Was macht die Suche nach weitere Betriebshöfen?

Es herrscht Einigkeit in der Stadt, dass wir mindestens einen, vielleicht zwei neue Standorte entwickeln müssen. Vorschläge für mehrere Standorte liegen vor, die werden jetzt geprüft.

Wird das noch was mit der Verkehrswende? Jetzt wurden wieder Dieselbusse gekauft.

Wir haben jetzt zwölf neue Dieselgelenkbusse gekauft. Was sollen wir anderes machen? Der jetzige Betriebshof ist zu klein, Dacharbeitsstände für elektrische Gelenkbusse bekommen wir hier nirgends hin. Dieselbusse können ad hoc auch auf anderen Flächen abgestellt werden. Die neuste Generation von Dieselmotoren ist gut, aber natürlich nicht vollständig rückstandsfrei. Ich hoffe, dass wir 2023 zwei oder drei Batterie-Gelenkbusse für erste Feldversuche beschaffen können.

Elektro-Gelenkbusse sollen auf den längeren Routen eingesetzt werden ...

Ja, dennoch werden wir 2023 auch wieder Dieselbusse kaufen müssen. Wir müssen damit leben, dass sich die Bürger:innen gegen die Citybahn entschieden haben. Ich bin überzeugt, sie waren sich aller Folgen und Konsequenzen dieser Entscheidung nicht vollends bewusst. Man hat die Kosten für die Citybahn kritisiert, aber jetzt wird alles noch teurer. Denn wir brauchen eine hohe Zahl an Bussen, an weiteren Flächen, an Infrastruktur. Der Lebenszyklus einer Straßenbahn beträgt das Dreifache gegenüber Bussen. Dazu kommt der Fachkräftemangel. Wir haben nicht genug Fahrer, obwohl wir bis zu 60 neue Busfahrer im Jahr selbst ausbilden. Das Problem wird uns die nächsten Jahre beschäftigen.

Interview: Madeleine Reckmann

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