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Wiesbadener Versorger verzeichnet steigendes Interesse an Fernwärme

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Von: Madeleine Reckmann

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Ungewöhnliche Perspektive: Die Rauchgasreinigung des Biomassekraftwerks samt Schornstein von unten betrachtet.
Ungewöhnliche Perspektive: Die Rauchgasreinigung des Biomassekraftwerks samt Schornstein von unten betrachtet. © ROLF OESER

Als Folge des Kriegs in der Ukraine suchen Stadtwerke anderer Kommunen nach alternativen Energiesystemen. Die Landeshauptstadt sieht sich als Vorbild.

Für die Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden ist der Umstieg auf Fernwärme das Gebot der Stunde. Denn auf diese Weise kann die Hochschule 55 Prozent an Treibhausgasemissionen im Jahr einsparen. Klimaschutz habe in Lehre, Forschung und Verwaltung einen hohen Stellenwert, sagt Kanzler Martin Lommel. Sämtliche Gebäude auf dem Campus am Kurt-Schumacher-Ring sollen bis Jahresende an das Fernwärmenetz des Versorgers Eswe angeschlossen werden. Das Land investiert 850 000 Euro in die klimafreundliche Heizmethode.

Eswe-Versorgung baut seit Jahren ihr Fernwärmenetz aus. 1800 Gebäude sind schon angeschlossen, 250 Gigawattstunden fließen jährlich durch die unterirdischen Leitungen in Wohnungen und Büros. Seit Beginn des Ukrainekriegs verzeichnet Eswe-Sprecher Frank Rolle vermehrt Anfragen von Stadtwerken anderer Kommunen und Hausbesitzern. „Fernwärme ist in den Fokus gerückt, denn sie vereint, was jetzt alle am meisten interessiert: Sie ist klimafreundlich und macht unabhängig von Putins Gas“, sagt Rolle.

55 Prozent der Eswe-Fernwärmeenergie produziert das Biomassekraftwerk auf dem Dyckerhoffbruch durch das Verbrennen von Altholz. 35 Prozent werden mit Gas und zehn Prozent mit Biomethan in dezentralen Heizwerken hergestellt. Sobald das geplante Müllheizkraft 2024 fertig ist, sollen nur noch fünf Prozent Gas nötig sein.

Fernwärme

Kraft- oder Heizwerke beliefern die Haushalte über ein Leitungsnetz mit Wärme. Wie klimafreundlich sie sind, hängt vom Brennstoff ab.

Außer aus Öl und Gas kann die Wärme zum Beispiel mit Müll produziert werden. Möglich ist auch, Abwärme aus der Industrie zu nutzen.

In Deutschland gibt es etwa 1400 Fernwärmenetze mit einer Gesamtlänge von 20 000 Kilometern.

„Wir haben alles richtiggemacht“, lautet Rolles Fazit mit Blick auf die aktuelle Energiekrise und den Klimawandel. Der Energieversorger steckt derzeit 6,2 Millionen Euro in die Erweiterung seines Leitungsnetzes, damit auch Immobilien in der Wiesbadener Innenstadt an die Fernwärme angebunden werden können.

Eswe wirbt damit, dass die im Biomasseheizkraftwerk produzierte Fernwärme das Energieäquivalent von mehr als 16 Millionen Litern Heizöl, die nicht verfeuert werden, ersetzt. Dadurch würden rund 95 Millionen Kilogramm Kohlendioxid pro Jahr eingespart. Für das Klima durchaus ein Gewinn.

Für die Verbraucher:innen ist Fernwärme jedoch nicht immer günstiger. Bei der Eswe kosten nach Unternehmensangaben momentan 18 000 Kilowattstunden Energie aus Fernwärme 2049 Euro und aus Gas 1530 Euro. Allerdings kommen für Gaskund:innen Kosten für Heizkessel, Wartung und Schornsteinfeger noch obendrauf, für Fernwärmekund:innen nicht.

Obwohl Gas für die Fernwärme in Wiesbaden eine untergeordnete Rolle spielt, steigt deren Preis gerade. Der Grund: Er ist laut gesetzlicher Vorgabe an den Gaspreis gekoppelt, den das statistische Bundesamt ermittelt. „Wäre der Wärmepreis etwa an den Index für Altholz gebunden, hätte er in den letzten Jahren eine Achterbahnfahrt vollführt“, so Rolle. Sperrmüll sei gerade sehr teuer geworden.

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