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Wiesbadener Schüler zum Film „Die Wannseekonferenz“: „Als ob das keine Menschen wären!“

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Von: Madeleine Reckmann

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Die Preview zum Film: Die Jugendlichen sammeln viele Eindrücke, vor allem die distanzierte Sprache macht ihnen zu schaffen.
Die Preview zum Film: Die Jugendlichen sammeln viele Eindrücke, vor allem die distanzierte Sprache macht ihnen zu schaffen. © Michael Schick

In der Carl-von-Ossietzky-Schule wird eine Preview gezeigt. Die Jugendlichen reagieren empört auf die seelenlose Beamtensprache, die den Massenmord verschleiert.

Stille. Die 50-minütige Preview zum ZDF-Film „Die Wannseekonferenz“ ist gerade beendet. Licht geht an. Schüler und Schülerinnen aus der Oberstufe der Wiesbadener Carl-von-Ossietzky-Schule (CvO) lassen das Gesehene auf sich wirken. Viele Eindrücke sind zu verarbeiten. „Die Sprache ist sehr förmlich. Man hat nicht gemerkt, dass es um die Vernichtung von Menschen geht. Wenn von ,Endlösung der Judenfrage‘ die Rede ist, denkt man nicht an die Tötung“, beschreibt eine Schülerin ihre Empfindung.

Der Film, der anlässlich des 80. Jahrestags der historischen Wannseekonferenz gedreht wurde, zeigt Männer am Verhandlungstisch. Sie sind zur „Besprechung mit Frühstück“ eingeladen. Einziger Tagesordnungspunkt: „Die Endlösung der Judenfrage“. Was die Staatssekretäre, Gauleiter und Parteifunktionäre im Film sagen, ist historisch verbrieft. Das Protokoll, das damals erstellt wurde, dient als Vorlage. „Die Mimik der Männer ist erschreckend positiv“, bemerkt ein Schüler. Ein anderer: „Die emotionslose Sprache erzeugt eine starke Spannung.“

„Ja, da ist der berühmte Elefant im Raum“, erläutert Mirko Drotschmann, der auf Youtube als „MrWissen2go“ Geschichte erklärt und die Diskussion an der CvO moderiert. Er möchte erfahren, wie Jugendliche den Film wahrnehmen.

„Alle wissen, um was es geht, ohne es auszusprechen, und berufen sich auf Befehle“, sagt eine Schülerin. Weitere Kommentare: „Wie sie alle stolz sind auf die hohen Zahlen ermordeter Juden.“ – „Als ob das keine Menschen wären sondern Objekte.“ – „Einer hat Mitleid, aber nicht mit den Juden sondern mit den deutschen Soldaten – pervers!“ – „Ja, er hat Skrupel nur den eigenen Männern gegenüber, dass sie seelisch Schaden nehmen könnten, aber die Juden sollen sich in Nichts auflösen“, sagt Klara Köddermann, 18, später der FR, „das hat mir die Sprache verschlagen.“

Der Film

Das ZDF möchte den Film „Die Wannseekonferenz“ am Montag, 24. Januar, um 20.15 Uhr ausstrahlen. Er spielt die Konferenz unter hochrangigen NS-Vertretern des Holocaust am 20. Januar 1942 nach, in der Abläufe für die Massentötungen von Jüdinnen und Juden festgelegt wurden. Die Gespräche basieren im Wesentlichen auf dem von Adolf Eichmann gezeichneten Besprechungsprotokoll. mre

Das Unterrichtsangebot zu den Themen Wannseekonferenz und Holocaust steht unter: zdf.de/dokumentationen/terra-x

„Die Einordnung fehlt“

Ob dieser Friedrich Wilhelm Kritzinger, Ministerialdirektor in der Reichskanzlei, ein überzeugter Nazi war? „Er hatte vielleicht Bedenken, setzt sich aber nicht durch“, meint jemand. „Der Film zeigt, dass es keinen Widerstand gab. Wenn jemand nicht der gleichen Meinung war, wurde geschwiegen. Die Karriere war wohl wichtiger“, urteilt Louisa Kemmer, 19. Finn Köllner, 18, kritisiert, dass der Film keine Einordnung liefere. „Wenn jemand die Bilder aus Auschwitz nicht kennt, unterschätzt er vielleicht die Situation“, sagt er. Ein Besuch in der Gedenkstätte Buchenwald, bestätigt Klara, habe ihr geholfen, den Film im Gesamtkontext zu verstehen.

Trotzdem sei dies ein wichtiger Film, folgert eine Schülerin, „er zeigt nicht nur die Leute an vorderster Front, sondern auch jene, die die Verbrechen planten und dafür sorgten, dass sie ausgeführt wurden.“

Die Erklärvideos bieten Hintergründe zum Zeitgeschehen, Daten und Fakten. Zeitzeugen berichten, ein Historiker und eine Historikerin erläutern die Geschehnisse. Zeitzeugin Margot Friedländer warnt die Nachgeborenen, vorsichtig zu sein. Ob das wirklich notwendig sei, fragt MrWissen2go. „Extreme Ideologien sind auch heute eine Gefahr“, sagt ein Mädchen. Ein Mitschüler erinnert an die Attentate von Halle und Hanau und die Zunahme von Gewalttaten rechter Gruppen. Andere sagen, die Demokratie werde von antidemokratischen Kräften unterwandert, auch von der AfD.

„Was bedeutet es, wenn Corona-Leugner auf Demonstrationen gelbe Judensterne tragen?“, schlägt MrWissen2go den Bogen zu heute. „Ein absurder Vergleich“, sagt ein Schüler. „So etwas macht mich sehr wütend!“, ruft Hanna Meyne. Eine Verharmlosung sei das, heute passiere in Deutschland nicht ansatzweise so etwas Schreckliches wie damals. Aber wenn Leute im Bus keine medizinische Maske aufsetzen wollten, überlege er es sich dreimal, ob er etwas sage, gibt einer zu bedenken. Diskriminierende oder antisemitische Kommentare im Freundeskreis dürften dagegen nicht unwidersprochen bleiben. Da sind sich wohl alle einig.

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