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Erich Kahn (hintere Reihe, dritter v. l.) mit Mitschülern und Lehrern der Jüdischen Volksschule Ende 1939.

Wiesbaden

Wiesbadener Schau zeigt Einzelschicksale von Jugendlichen

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Wiesbaden Ausstellung im Aktiven Museum Spiegelgasse erinnert an elf junge Wiesbadener, die unter den Nationalsozialisten leiden mussten.

Sogar in seinem Tagebuch lässt der zwölfjährige Erich Kahn Vorsicht walten – aus Angst vor den Nazis. Es könnte ja der Gestapo in die Hände fallen. Der Wiesbadener Bub aus dem Rheingauviertel notiert von Silvester 1941 bis 1945 kurz und sachlich Ereignisse aus seinem Alltag. So ist das Schlimmste meist nur zwischen den Zeilen zu lesen.

Etwa, wenn er am 8. Januar 1942 schreibt, dass er bei der Zahnärztin war, die gebohrt hat. Abends bekommt er Zahnweh und von seinem Vater eine Tablette. Wie alle Juden darf Erich nur zu „nichtarischen“ Ärzten, im Krieg sind zudem Medikamente knapp und für Juden erst recht schwer zu bekommen.

Ein anderes Mal erwähnt der Schüler, dass er seinen Vater begleitet habe. Max Kahn muss sich seit Anfang 1939 jeden Freitag im lokalen Hauptquartier der Gestapo an der Paulinenstraße melden, stets in Angst, verhaftet zu werden.

Das Tagebuch hat Erich Kahn von seiner Lehrerin Lotte Bernstein bekommen. Sie unterrichtet an der Jüdischen Volksschule, einer Holzbaracke an der Mainzer Straße, die der Junge seit November 1938 gezwungenermaßen besucht. Ein Foto aus dem Jahr 1939 zeigt ihn und zehn Schulkameraden mit Lotte Bernstein und dem Rabbiner Bruno Finkelscherer. Anhand dieses Gruppenfotos schildert die Ausstellung „Elf Jugendliche und ihre Familien unter dem Hakenkreuz“ im Aktiven Museum Spiegelgasse (AMS) deren Schicksale.

Die Ausstellung ist wegen der großen Nachfrage von Schulklassen verlängert worden. Die Darstellung und der lokale Bezug erleichtern den Zugang zum Thema, sagt Georg Habs vom Vorstand des AMS. „Zahlen sind abstrakt.“ Sie seien wichtig, um den Umfang der Verletzung von Menschenwürde und Vernichtung von Leben zu verdeutlichen. Einzelschicksale bringen dies hingegen nahe.

Dass die Ausstellung um ein Foto herum konzipiert ist und jede Person und Familie beleuchtet wird, findet Museumsbesucherin Annelin von Ahnen gut. „Das macht es persönlicher und nochmals bedrückender“, sagt die 22-jährige Kommunikationswissenschaftlerin aus Hamburg. „Die Zahlen und Fakten zeigen, dass es wichtig ist, sich damit auseinander zu setzen.“

Auch die Geschichte der Jüdischen Volksschule rekonstruiert die Ausstellung. Etwa 160 Schüler besuchen sie bis zur Schließung im Frühjahr 1942. Erich Kahns 15-jähriger Mitschüler Heinz Mannes leistet da bereits seit einem Jahr Zwangsarbeit in den Idsteiner Lederwerken Donner AG. Am 7. März feiert Erich mit seinem Freund Günther Wolf dessen Bar Mitzwa.

Bald darauf unterbricht Erich die Tagebucheintragungen für ein Jahr. In dieser Zeit werden seine Freunde und Schulkameraden mit ihren Familien deportiert. Er, sein Bruder und Vater werden im Februar 1945 ins Lager Theresienstadt verschleppt. Als einziger der elf Wiesbadener Jugendlichen auf dem Foto überlebt Erich Kahn die NS-Zeit.

Die Ausstellungim Aktiven Museum, Spiegelgasse 11, ist noch am kommenden Donnerstag und Freitag, jeweils von 16 bis 18 Uhr, und an allen Samstagen im Dezember von 11 bis 13 Uhr zu sehen.

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