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„Wahnsinn“ sagten sie alle noch Wochen danach. Im November 1989 fiel die Mauer, die Deutschland geteilt hatte. 

Deutsche Einheit

Unterricht mit dem Mann aus der DDR

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Ex-Bürgerrechtler Rainer Eppelmann berichtet an der Wiesbadener Leibnizschule über den Mauerfall. 

Nichts ist so packend wie die Wahrheit. Jedenfalls dann, wenn sie so gekonnt und anschaulich erzählt wird wie von Rainer Eppelmann. Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler, evangelische Pfarrer und heutige Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur war für zwei Schulstunden an der Leibnizschule in Wiesbaden zu Gast.

Wenn jemand vor einer Klasse stehe und etwas erkläre, dann sei die dadurch hervorgerufene Tiefe der Erkenntnis recht begrenzt, hatte Kultusminister Alexander Lorz (CDU) eingangs noch gesagt. Für das, was Eppelmann den 16- bis 18-Jährigen zu sagen hatte, galt das kaum. Sichtlich gespannt und mit voller Aufmerksamkeit lauschten die 60 Schülerinnen und Schüler der drei Oberstufenkurse mehr als eine Stunde lang den eindringlichen Erzählungen des heute 76-Jährigen.

Wie er da stand am Abend des 9. November 1989, vor dem noch geschlossenen Schlagbaum am Grenzübergang Bornholmer Straße. Wie die Rufe nach der Ankündigung der Reisefreiheit für DDR-Bürger durch das Mitglied des SED-Zentralkomitees Günter Schabowski, als also die Rufe, die Grenze zu öffnen, immer lauter wurden und die Grenzer den Schlagbaum schließlich öffneten – „als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt und nicht das, worauf viele von uns 40 Jahre lang gewartet hatten“ –, als Eppelmann das erzählte, waren die Ereignisse des Mauerfalls in all ihrer Dramatik auch an der Leibnizschule des Jahres 2019 noch zu erahnen.

Wie er überhaupt dazu gekommen sei, Bürgerrechtler zu werden, wollte einer der Schüler wissen. Seine Eltern hatten ihm verboten, zu den SED-Jugendorganisationen zu gehen. Statt der Jugendweihe, wie in der sozialistischen Diktatur erwünscht, hatte er die Konfirmation erhalten. „Ich durfte deshalb trotz sehr guter Noten nichts aufs Gymnasium, nicht Architektur studieren, sondern musste eine Dachdeckerlehre machen“, berichtete Eppelmann. Später weigerte er sich, als Soldat den Eid auf den Staat abzulegen. Acht Monate musste er dafür ins Gefängnis. „Wir sollten alle graue Mäuse werden, alle das Gleiche lieben, das Gleiche hassen“, beschrieb er das Wesen eines Staats, der seine Bürger erschießen ließ, wenn sie das Land verlassen wollten.

An seine Zuhörer appellierte er, die Demokratie, in der eben nicht jeder zur grauen Maus werden müsse, selbstverständlich zu nehmen. Für ihn, der die Diktatur erlebte, sei sie eine Kostbarkeit.

Gelegenheit zur weiteren Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte haben die Schülerinnen und Schüler noch. In der Leibnizschule wurde anlässlich des Jubiläums 30 Jahre Mauerfall am Dienstag die Ausstellung „Von der friedlichen Revolution zur deutschen Einheit“ eröffnet. Eppelmann ließ die Geschichte gegenwärtig erscheinen.

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