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Die Bahnsteige im Wiesbadener Hauptbahnhof gehören grade meist den Tauben alleine - nur nach Niedernhausen fährt aktuell noch eine Bahn.
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Die Bahnsteige im Wiesbadener Hauptbahnhof gehören grade meist den Tauben alleine - nur nach Niedernhausen fährt aktuell noch eine Bahn.

Wiesbaden

Wiesbadener Hauptbahnhof im Ruhemodus

  • Madeleine Reckmann
    VonMadeleine Reckmann
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Seitdem die Salzbachtalbrücke gesperrt ist, fährt kaum ein Zug . Die Deutsche Bahn hat dennoch viel zu tun. Für die Ladeninhaber ist der Stillstand ein Desaster.

Ein paar Menschen sitzen auf Bänken und spielen mit ihren Handys herum. Tauben picken zu ihren Füßen. Die Tierchen brauchen keinen Tritt zu befürchten. Im Wiesbadener Hauptbahnhof herrscht kein Stress. Eine Gruppe von Schüler:innen verzehrt auf einem leeren Bahnsteig Pommes. Draußen Regenwetter, drinnen Platz und Ruhe. Der Hauptbahnhof hat sich zu einem gemütlichen Wartesaal verwandelt. Auf was die Leute warten, ist unklar. Keine Menschenmassen, die aus S-Bahnen strömen und zum Bus eilen, keine hektischen Blicke auf die Uhr, keine Rennerei zur Bahn. Da fällt die Frau auf, die sich beeilt. Sie läuft zum Gleis 10 und springt in den Zug. Es ist 14.04 Uhr, eine Minute später setzt sich die Regionalbahn 21 in Richtung Niedernhausen in Bewegung. Eine normale Szene für einen Bahnhof, möchte man meinen. Nicht für den Wiesbadener Hauptbahnhof. Die Regionalbahn nach Niedernhausen fährt jede halbe Stunde und sonst – kein einziger Zug.

Seitdem die Salzbachtalbrücke am 18. Juni um 50 Zentimeter absackte, ist der Hauptbahnhof der hessischen Landeshauptstadt fast stillgelegt. Außer für die Strecke nach Niedernhausen verlaufen alle Gleise zu dem Sackbahnhof unter der Brücke durch – zu gefährlich wäre es, den Bahnbetrieb aufrechtzuerhalten. Die Ingenieure der Autobahngesellschaft des Bundes befürchten den Zusammenbruch des Bauwerks. Der Deutschen Bahn ist kein vergleichbares Ereignis bekannt, das einen Hauptbahnhof dieser Größe schon einmal über einen so langen Zeitraum abgehängt hätte, versichert eine Bahn-Sprecherin. Züge werden erst wieder nach Wiesbaden fahren, wenn die Salzbachtalbrücke, über die die A66 verläuft, gesprengt sein wird. Das wird noch Wochen dauern. Die Sprengung ist für Ende August oder September vorgesehen. Dann aber könne es schnell gehen, so die Sprecherin, der Bahnhof kurze Zeit später wieder angefahren werden. So lange das nicht der Fall ist, herrscht Stillstand auf der Station, für die Geschäftsleute ein großes Problem.

60 Prozent Umsatzeinbußen

„Katastrophal“, sagt Gyula Kecskeméti, der in der Tabakwelt im Hauptbahnhof Zigaretten verkauft. Die Leute würden das Gebäude nicht mehr betreten, sondern zu den Bussen, die als Schienenersatzverkehr pendeln, außen herum laufen. Das Geschäft sei auf ein Drittel des normalen Umsatzes eingebrochen, berichtet er, das stelle die Corona-Zeit in den Schatten. Ursula Michel, die bei Nuss-Michel gebrannte Mandeln verkauft, schätzt die Einbußen auf 50 bis 60 Prozent. Die Verkäuferin am Brotstand möchte keine Auskunft geben. Ein Schild verweist auf die neuen Öffnungszeiten, jetzt schließt der Stand schon um 15 Uhr anstatt wie sonst um 18 Uhr, und das Angebot an Backwaren ist ausgedünnt. Den Laden gekündigt hat jedoch nach Bahn-Auskunft noch keine Inhaberin und kein Inhaber. Ursula Michel sagt, die Bahn sei ihnen mit der Miete entgegengekommen.

In der Leitstelle seien die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen rund um die Uhr im Einsatz, um den Mehraufwand an Koordinierung zu bewältigen, berichtet die Bahn-Sprecherin. Drei S-Bahn-Linien sind von der Brückensperrung betroffen, die S1, S8 und S9. Mehr als 60 Lokführer und Lokführerinnen der S-Bahnen beginnen oder beenden ihren Dienst am Hauptbahnhof. Jetzt müssen sie in Wiesbaden-Ost oder Mainz-Kastel in die Bahn steigen und da erst mal hingelangen – während der Dienstzeit. 30 S-Bahnen können nachts nicht mehr im Wiesbadener Hauptbahnhof abgestellt werden und verbringen die Nacht nun verteilt auf verschiedenen Abstellgleisen im Rhein-Main-Gebiet. Zwölf bis 15 Leerfahrten täglich sind notwendig, um die Züge dorthin zu bringen, wo die Fahrt fahrplanmäßig beginnt, oder von dort wegzufahren, wo sie endet. Wegen der längeren Wege zu den Zügen setzt die Deutsche Bahn zehn zusätzliche Lokführer:innen ein. Die täglich 50 Fernverkehrsabfahrten aus Wiesbaden fallen aus, alle Züge mit Stopp in Wiesbaden werden umgeleitet. Dennoch betreibt die Deutsche Bahn ihren Hauptbahnhof wie immer. Wie hoch der finanzielle Schaden sei, lasse sich noch nicht beziffern, sagt die Sprecherin. Die Hessische Landesbahn HLB, die mit der Ländchesbahn nach Niedernhausen nur die Hälfte ihrer Fahrten nach Wiesbaden abwickeln kann, spricht von enormen Verlusten. Ebenso die Bahn-Gesellschaft Vias. Schließlich sei der Schienenersatzverkehr zu bezahlen, obwohl gleichzeitig Einnahmen fehlten.

Eine, die das Geschehen neugierig macht, ist Petra Schäfer. Die Professorin für Verkehrsplanung der Frankfurt University of Applied Sciences hat eine Online-Befragung entwickelt, mit deren Hilfe Erkenntnisse darüber erlangt werden sollen, ob die Menschen ihr Mobilitätsverhalten ändern. Nehmen sie die Ersatzangebote der Bahn in Anspruch? Stehen sie weiter mit dem Auto im Stau? „Wir möchten verstehen, wie Menschen auf eine so besondere Situation reagieren; ob sie aus den Routinen, das gleiche Verkehrsmittel zu benutzen, herauskommen und kreative Ideen finden“, sagt Schäfer auf Anfrage. Ob sie in Betracht des stillgelegten Bahnhofs auf den Zug umsteigen, ist wohl zweifelhaft. Die Befragung soll noch lange nach der Sprengung fortgeführt werden.

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