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Wiesbadener Bus-Misere ohne schnelle Lösung

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Von: Madeleine Reckmann

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Hier fährt mal einer: Mit der Linie 6 nach Mainz gibt es besonders viele Verspätungen.
Hier fährt mal einer: Mit der Linie 6 nach Mainz gibt es besonders viele Verspätungen. © Michael Schick

Personalmangel führt zu ausgedünntem Fahrplan. Suche nach Subunternehmen dauert an.

Für ihren Weg zur Arbeit braucht die 51 Jahre alte Frau normalerweise 20 Minuten. Sie fährt von der Robert-Krekel-Anlage im Wiesbadener Stadtteil Biebrich bis zum Rheinufer mit der Linie 4 und steigt dort in die Linie 9 nach Amöneburg um. Am Montag und Dienstag habe sie jedoch eine Stunde benötigt, sagt sie. Am Abend wartet sie wieder an der Robert-Krekel-Anlage – auf die 14. Sie hat nur zehn Minuten Verspätung. Die drei Schülerinnen, die morgens vom Schelmengraben in die Albrecht-Dürer-Schule müssen, sind zu spät zum Unterricht gekommen. „Manche Busfahrer halten erst gar nicht, weil der Bus schon voll ist“, beschwert sich eine.

Wiesbaden steht dieser Tage Kopf. Die Busse sind übervoll, viele Menschen warten lange oder vergebens an den Haltestellen, viele klagen im Netz über die Busmisere. Grund: Das kommunale Verkehrsunternehmen Eswe lässt die Busse seit Wochenbeginn auf unbestimmte Zeit nach dem Samstagsfahrplan fahren. Es fehlten über 50 Busfahrer:innen, um den Betrieb zu gewährleisten, begründete das Unternehmen die Entscheidung. Der Krankenstand sei hoch und das Personal müsse sich nach dem Neun-Euro-Ticket erholen. Das bedeutet 2800 Fahrten am Tag statt 3700, zu wenig, um für Mobilität in einer 290 000-Einwohner-Stadt zu sorgen. Nach der Sperrung der Schiersteiner Brücke über den Rhein nach Mainz 2015 und der Sperrung der Salzbachtalbrücke 2021 mit dem einhergehenden Ausfall des Bahnverkehrs nach Wiesbaden steht die Landeshauptstadt wieder mit einem riesigen Verkehrsproblem im Fokus.

Vertreter der Fraktionen Grüne, SPD, Linke, die mit Volt die Mehrheit im Rathaus haben, zeigen sich verständnisvoll und erklären die Ursachen mit der schlechten Personalpolitik der früheren Geschäftsführung von Eswe-Verkehr. Oppositionspolitiker dagegen sparen nicht mit Kritik. Die CDU schreibt, sie sei „fassungslos“, dass der Grünen-Verkehrsdezernent Andreas Kowol „untätig“ sei und „auf Tauchstation“ gehe. Die Freien Wähler sprechen von einer „ideologischen Verkehrspolitik“, die FDP davon, dass sich Wiesbaden zum Gespött mache. In der Tat hatte sich der Verkehrsdezernent noch nicht zur Situation geäußert.

„Das operative Geschäft ist allein Sache der Eswe“, verteidigt Kowol sein Schweigen und bekräftigt, dass er sehr wohl die politische Verantwortung übernehme. Als Dezernent und Aufsichtsratsvorsitzender sei es aber nicht seine Aufgabe, sich um Ersatz für ausgefallene Busfahrer:innen zu kümmern, sagt Kowol der FR auf Anfrage. Eswe-Geschäftsführer Jan Görnemann habe bei dem gravierendem Personalmangel keine andere Möglichkeit gehabt, als den Fahrplan auszudünnen. Er selbst habe erst an die Öffentlichkeit treten wollen, wenn es belastbar Neues gebe. Denn im Hintergrund arbeite er durchaus an Lösungen.

Seit dem Frühsommer habe das Verkehrsunternehmen versucht, Subunternehmen zu finden, die die Eswe-Mannschaft verstärkten, sagt Kowol. Auf die Ausschreibung hätten sich aber keine gemeldet. „Das Ausbleiben der Angebote war ein Tiefschlag“, sagt er. Bis zuletzt habe er Möglichkeiten für Busersatz gesucht. Dass Reisebusunternehmen nach der Corona-Flaute im Sommer wieder florierten, sei ein Grund. Sie würden auch für Schienenersatzverkehre eingesetzt. Zudem würden Busunternehmen anderer Städte Fahrer:innen abwerben. Nun gelte Plan B. Gespräche mit einzelnen Subunternehmen sollten klären, ob sie kleinere Strecken oder Bedarfe kurzfristig decken könnten, berichtet der Grüne. Langfristig müsse man über einen Haustarif nachdenken, um den Fahrer:innen mehr als den Tariflohn zu zahlen. Auch die Anwerbung ausländischer Fahrer:innen sei eine Option.

Eswe-Verkehr teilt unterdessen mit, dass in den Morgenstunden mehr Busse eingesetzt würden, um den Schülerverkehr besser zu versorgen. Nun seien es hundert Fahrten mehr am Tag.

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