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Wiesbadener Bäcker: „Brot und Brötchen werden teurer“

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Von: Madeleine Reckmann

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Wenn der Mindestlohn steigt, werden wohl auch die übrigen Löhne angehoben. Dann wird Julia Fritz, Filialleiterin der Bäckerei Dries, die Backwaren teurer verkaufen. Foto: Michael Schick
Wenn der Mindestlohn steigt, werden wohl auch die übrigen Löhne angehoben. Dann wird Julia Fritz, Filialleiterin der Bäckerei Dries, die Backwaren teurer verkaufen. © Michael Schick

Bäckermeister Dries aus Wiesbaden begrüßt den steigenden Mindestlohn, sieht ihn aber als Inflationstreiber.

Die Beschäftigten der Bäckerei Dries sollen von der für Oktober angekündigten Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns auf zwölf Euro bereits früher profitieren. „Wir bereiten uns jetzt darauf vor, die Löhne schon im Spätsommer anzupassen“, sagt Martin Dries, der in dem Rüdesheimer Familienbetrieb für den Vertrieb verantwortlich ist. Mit diesem taktischen Zug erspare er sich die Fragen seiner Mitarbeiter, wann die Erhöhung denn nun komme.

Dries begrüßt es grundsätzlich, dass sein Personal mehr Geld verdienen soll. „Unsere Mitarbeiter arbeiten physisch hart und zudem antizyklisch zum öffentlichen Leben“, erklärt er. Die Ankündigung von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), den Mindestlohn von 9,82 Euro noch in diesem Jahr auf zwölf Euro anzuheben, macht die Lohnerhöhung in der Bäckerei Dries nötig. Dort verdiene die unterste Lohngruppe derzeit elf Euro, sagt Dries, dies seien Menschen, die Hilfstätigkeiten in der Produktion und im Verkauf ausübten, die etwa Kuchenbleche schrubbten, Regale auffüllten oder beim Backen helfen – „unverzichtbar im Betrieb“. Einen Euro mehr pro Stunde hätten sie sich redlich verdient. Die Bäckerei Dries betreibt 24 Filialen im Rheingau und in Wiesbaden. Mit mehr Geld für die unteren Lohngruppen sei es aber nicht getan, sagt Martin Dries.

Der Bäckermeister rechnet damit, dass eine Steigerung des Mindestlohns eine Kette weiterer Lohnerhöhungen nach sich ziehen wird. Ungelernte Bäcker, die bei ihm zwischen 12 und 14 Euro in der Stunde verdienten, würden dann ebenfalls mehr verlangen. Und schließlich hielten auch die gelernten Bäcker, die 16 Euro in der Stunde bekommen, die Hand auf. Die Anhebung des Mindestlohns hat also für die Bäckerei gravierende Auswirkungen.

Auch Dries-Mitarbeiter Aleksandar wird vom höheren Mindestlohn profitieren. Foto: Michael Schick
Auch Dries-Mitarbeiter Aleksandar wird vom höheren Mindestlohn profitieren. © Michael Schick

70 Prozent der Dries-Mitarbeiter:innen gehören den unteren und mittleren Lohngruppen an. Dries prognostiziert einen Anstieg der Personalkosten im Unternehmen von 46 Prozent des Gesamtumsatzes auf 48 Prozent. Der Abstand von einer Lohngruppe zur anderen müsse unbedingt erhalten bleiben, sagt er und spricht von gravierendem Personalmangel in seiner Branche. Dries will die Leute bei der Stange halten.

Das bedeute aber auch: „Brot und Brötchen werden teurer.“ Die höheren Personalkosten würden zusätzlich zu den gestiegenen Energie- und Getreidepreisen auf den Preis seiner Produkte draufgeschlagen und wirkten „als Inflationstreiber“. Dries wünscht sich daher, dass die Politik andere Möglichkeiten findet, die unteren Einkommensschichten zu entlasten.

Stefan Füll, Malermeister und Präsident der Handwerkskammer Wiesbaden, kritisiert die Entscheidung der neuen Regierung aus dem gleichen Grund. Wegen des Fachkräftemangels würden die meisten Handwerksbetriebe ohnehin mehr als den gesetzlichen Mindestlohn zahlen. Der Branchenmindestlohn für Maler liege bei 13,80 Euro, der für Bauarbeiter bei 15,80 Euro. Die meisten Handwerksbetriebe seien also von der bevorstehenden Erhöhung gar nicht betroffen. Aber indirekt eben schon, weil sie eine Preisspirale in Gang setze, die später auch bei ihnen ankomme. Wenn der gesetzliche Mindestlohn steige, forderten die Gewerkschaften bald eine Erhöhung sämtlicher Lohnstufen, „damit der Abstand stimmt“, sagt Füll.

Das hebele nicht nur die Tarifverhandlungen mit den Gewerkschaften aus, sondern der Anreiz, eine Ausbildung zu machen, sinke, „weil die jungen Leute auch ohne Ausbildung gutes Geld verdienen“, befürchtet Füll. Langfristig würden zudem die Verbraucherpreise steigen. Füll erwartet Lohnerhöhungen von 13 Prozent in vier bis fünf Jahren.

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