Wiesbaden

AWO-Belegschaft möchte nicht verzichten

  • Madeleine Reckmann
    vonMadeleine Reckmann
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Die Beschäftigten der AWO in Wiesbaden lehnen den Nottarifvertrag mehrheitlich ab. Der Kreisverband will noch in dieser Woche Insolvenz anmelden.

Verdi Hessen stellt eine Lösung für die drohende Insolvenz des Kreisverbands der Arbeiterwohlfahrt Wiesbaden (AWO) in Aussicht. „Vertreter von Verdi und AWO arbeiten an einem Vorschlag für ein Entgegenkommen, er wird gerade abgestimmt“, sagt Ute Fritzel, Sprecherin von Verdi Hessen der FR auf Anfrage. Zuvor hatte die Gewerkschaft den AWO-Beschäftigten geraten, nicht auf den Vorschlag des AWO-Vorstands einzugehen.

In den vergangenen Tagen hatten die Vorsitzenden Wolfgang Hessenauer und Franz Betz unter der Belegschaft für den Notlagetarifvertrag geworben. Das Weihnachtsgeld sollte erst 2021 ausgezahlt und auf die Corona-Sonderprämie verzichtet werden. Andernfalls drohe eine Finanzierungsnotlage; das Weihnachtsgeld schlägt mit 900 000 Euro und die Corona-Sonderprämie mit 160 000 Euro zu Buche. Die Mehrheit der Mitarbeiter akzeptiert den Vorschlag jedoch nicht. Nur 43 Prozent erklärten sich einverstanden. „Wir wollen nicht, dass die Probleme der AWO auf dem Rücken der Belegschaft ausgetragen werden“, sagt Fritzel. Dennoch wolle Verdi nicht, dass die AWO Wiesbaden zahlungsunfähig werde.

Die Einrichtungen

Die AWO Wiesbaden betreibt neun Kindertagesstätten, zwei Pflegezentren für Senioren und eine Wohnanlage für Senioren, eine Internationale Familienbildungsstätte, ein Frauenhaus, eine Beratungsstelle für von Gewalt betroffene Frauen, eine Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer und ein Beschäftigungsföderprojekt. Zum Personal zählen 420 Beschäftigte. mre

Der Kreisverband kündigt nun an, noch in dieser Woche einen Insolvenzantrag vor dem Amtsgericht zu stellen. Die Wiesbadener AWO ist seit 2019 in den Schlagzeilen. Überhöhte Geschäftsführergehälter, teure Dienstwagen, Gehälter ohne Gegenleistung und undurchsichtige Geldflüsse haben den Sozialverband in die Kritik gebracht. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Vertreter der Wiesbadener und Frankfurter Kreisverbände wegen Verdachts auf Untreue. Die Vorstandsvorsitzenden Hessenauer und Betz sind im Januar angetreten, um das geschäftliche Chaos, das die frühere Führungsriege verursacht hat, in Ordnung zu bringen. Dieses Geschäftsgebaren hat laut AWO-Betriebsratsvorsitzendem Jochen Haferkamp eine Lücke von 3,6 bis fünf Millionen Euro gerissen und stellt den Grund für die aktuellen Liquiditätsprobleme dar. Haferkamp hofft, dass die Insolvenz abgewendet werden kann. Sollte ein Insolvenzverwalter die Geschäfte übernehmen, seien die von den Vorstandsvorsitzenden in die Wege geleiteten Maßnahmen zur Konsolidierung in Gefahr, die erst 2021 greifen sollen. In dem Jahr ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit haben Hessenauer und Betz Personen, die ihrer Ansicht nach überhöhte Gehälter erhielten oder Geld verdienten ohne zu arbeiten, gekündigt. Zudem würden Verhandlungen mit dem Pflegekassenverband über höhere Entgelte für das Robert-Krekel-Haus und mit der Stadt über eine Angleichung der Verträge für die Familienbildungsstätte vorbereitet. Auch Gespräche mit dem neuen Eigentümer des Konrad-Arndt-Alten- und Pflegeheims über eine günstigere Miete stünden an. Das Heim war von der ehemaligen Geschäftsführung verkauft worden und wird laut Haferkamp für 750 000 Euro im Jahr zurückgemietet.

Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD) und Sozialdezernent Christoph Manjura (SPD) versichern, alles dafür zu tun, um die Leistungen in den stationären Pflegeeinrichtungen, den Kindertagesstätten und dem Frauenhaus abzusichern. Auch in einem möglichen Insolvenzverfahren und bei einem möglichen Übergang zu einem neuen Träger könne der Betrieb fortgeführt werden. Unterdessen stellt sich die Frage, wie es sein kann, das sich die Lage in kürzester Zeit so verschlechtern konnte. Die Freien Wähler verweisen darauf, dass Betz im September dem Sozialdezernenten gegenüber eine Insolvenz nicht für möglich gehalten habe. Die AfD nennt die angekündigte Insolvenz „das traurige Ergebnis korrupter Machenschaften.“

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