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Wiesbadener Autor: Im Klimawandel braucht es mehr Artenvielfalt auf dem Acker

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Von: Madeleine Reckmann

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Peter Becker zeigt, was man aus Wildpflanzen wie Löwenzahn, Minze und Eicheln machen kann.
Peter Becker zeigt, was man aus Wildpflanzen wie Löwenzahn, Minze und Eicheln machen kann. © Monika Müller

Der Knollen- und Kräuterfachmann Peter Becker schreibt ein Buch über ungenutzte Pflanzen, die Natur, Ernährung und Landwirtschaft bereichern können.

Zu unserem Treffen bringt Peter Becker Taschen voller Töpfchen und Gläser mit. Er kommt gerade von einem Workshop im Kindergarten Parkfeld im Wiesbadener Stadtteil Biebrich. Mit den Kindern hat er die ersten Veilchen und Gänseblümchen in diesem März gepflückt und sofort zu Köstlichkeiten verarbeitet. Im Schlosspark wird aufgetischt.

Aus den Veilchen hat er süßen Gelee gekocht, die Gänseblümchen zu herzhaftem Pesto verarbeitet. Außerdem hat der gelernte Koch Pfefferminzcreme, ein Kräuterpesto und Eichelplätzchen zum Probieren dabei. Alles äußerst schmackhaft.

Becker ist kein gewöhnlicher Koch. Seine Mission ist, Speisen aus bislang ungenutzten Pflanzen herzustellen. „In meinem Beruf hat mich gestört, dass ich immer das Gleiche kochen sollte, Kartoffeln und weißen Reis“, erzählt der Mann, der 1966 in den Vereinigten Staaten geboren wurde, weil seine Eltern dorthin ausgewandert waren.

Immer Kartoffeln und weißen Reis zu kochen, ist ihm aber zu langweilig. Schließlich gebe es 50 000 essbare Pflanzen auf der Welt. „Jeden Tag unseres Lebens können wir eine weitere nicht genutzte Pflanzen essen“, sagt Becker, der seit Jahrzehnten in Wiesbaden in den Volksbildungswerken Knollen-, Kräuter oder Eichelseminare anbietet und deutschlandweit Vorträge und Workshops hält. Außerdem ist er durch Filmbeiträge und als Autor zahlreicher Bücher bekannt. In seiner „Knöterichmanufaktur“ stellt Becker aus den unbekannten Pflanzen ungewöhnliche Nahrungsmittel her. Die Eichelplätzchen, die er je zur Hälfte aus Eichel- und Dinkelmehl backt, schmecken leicht nussig.

In seinem neuen Buch „111 ungenutzte Pflanzen, die man gegessen haben muss“, das er gemeinsam mit seiner Tochter Marisa Becker schrieb, stellt er eine Auswahl vor. Etwa die Felsenbirne, die „Rosine aus dem Vorgarten“, deren Früchte in getrockneter Form genießbar sind. Oder den Ackerschachtelhalm, dessen unterirdisch wuchernde Wurzeln manchen Gärtner und manche Gärtnerin zur Verzweiflung bringen. Beckers Tipp daher: Die Triebe braten, als Zutat zum Omelett schmeckten sie wie Pilze.

Auch dem Klettenlabkraut rückt Becker mit Messer und Gabel zu Leibe. Die Triebspitzen des Wildgemüses ließen sich gut zu Smoothies, Pesto oder Suppen verarbeiten. Vom Löwenzahn sind Becker zufolge alle Teile essbar: Die gerösteten Samen als Krokant, die Blätter als Salat, die Wurzeln als Zutat, das selbstgemachtem Eis den Geschmack von Mokka verleiht.

Becker und seine Tochter möchten ihr Buch als Anregung für Landwirt:innen begreifen, seltene Pflanzen anzubauen. Um in einer vom Klimawandel geprägten Welt zu überleben, brauche die Menschheit eine höhere biologische Vielfalt in der Landwirtschaft, statt riesiger Monokulturen und sinkender Artenvielfalt, schreiben sie. Für Landwirt:innen in Deutschland, die von der Preispolitik der Lebensmittelkonzernen abhängig seien, sei etwa die Kultivierung von Knollenpflanzen oder seltenen Hirsearten eine Chance, lukrativ zu wirtschaften.

Becker, der die Apiosknolle selbst jahrelang in Wiesbaden züchtete, bevor Wildschweine das Feld verwüsteten, sieht sich als Botschafter für Knollen und Kräuter. Die aus Amerika stammende Apiosknolle habe großes Potenzial. „Sie schmeckt wie Kartoffeln, ist aber fester“, beschreibt er. Die Hülsenfrucht dünge zudem den Boden, weil sie Stickstoff aus der Luft in den Wurzeln speichere. Die Mashuaknolle, auch Zimtkartoffel genannt, habe einen schärferen Geschmack. Der Chayotekürbis schmecke gurkenähnlich.

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