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Wiesbaden: Wohnungen tauschen statt bauen

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Von: Madeleine Reckmann

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Dietrich Schwarz leitete die Geschäfte der Stadtentwicklungsgesellschaft.
Dietrich Schwarz leitete die Geschäfte der Stadtentwicklungsgesellschaft. © privat

Eine Wechselbörse soll die Wohnungsnot in Wiesbaden verringern. Mehr als tausend Wohnungen im Jahr könnten neu bezogen werden.

Tausche große Wohnung gegen kleine. Das wäre schön, wenn so ein Tausch so einfach ginge. Oft bleiben ältere Personen auch nach dem Auszug der Kinder und dem Tod des Partners oder der Partnerin in Wohnungen mit mehreren Zimmern, deren Pflege leicht zur Last wird. Junge Menschen dagegen brauchen mehr Platz, vor allem, wenn Kinder auf die Welt kommen. Aber wie bringt man die Bedürfnisse zusammen?

Die Stadt hat das Potenzial erkannt, dass mit Wohnungstausch ein Teil der Wohnungsnot behoben werden kann. Gerade hat die Stadtverordnetenversammlung beschlossen, 2022 und 2023 eine Wohnberatung aufzubauen, die auch als Wohnungswechselbörse fungieren soll. Das Potenzial ist groß. „In Wiesbaden könnten 1168 Wohnungen mit einer mittleren Größe von 84 Quadratmetern für den Bezug durch andere Haushalte frei gemacht werden“, schreibt Dietrich Schwarz in einem Aufsatz für die Verbandszeitschrift des vhw Forum Wohnen und Stadtentwicklung. Schwarz kennt sich aus mit dem Wohnungsgeschäft. Der Mainzer Rechtsanwalt war 20 Jahre Geschäftsführer der Stadtentwicklungsgesellschaft Wiesbaden. Er rechnet vor, dass Tauschen die Stadt billiger kommt als Bauen.

Für den Neubau entsprechender subventionierter Wohnungen müsste die Stadt 20 000 Euro pro Einheit aufbringen, insgesamt 23 Millionen Euro in fünf Jahren. Für den Wohnungstausch setzt Schwarz dagegen viel weniger an, 700 000 Euro jährlich für die anfänglich ersten hundert Umzüge: für die Beratungsstelle mit einer Vollzeitstelle, Öffentlichkeitsarbeit und der Förderung von 5000 Euro pro Umzug sowie bauliche Anpassungen.

Denn für Schwarz hat eine Börse mehr als eine Wohnungsvermittlung zu leisten. Ihr soll eine kommunale Strategie zur Förderung des Wohnungstauschs zugrunde liegen. Sie soll von Maklerunternehmen unterstützt werden, um ausreichend Wohnraum anbieten zu können; Mieter:innen sollen dort auch Anträge für Wohngeld und Umzugshilfen beantragen können. Die Beratungsstellen sollen dezentral in der Stadt verteilt sein, quasi mit dem Ohr am Wohnungsmarkt. Hilfe bei Umzügen und Hausmeistertätigkeiten gibt es dort auch.

Schwarz’ Berechnungen basieren auf wissenschaftlichen Erhebungen. Demnach sind 44 Prozent aller Mieterhaushalte und 16 Prozent aller Eigentümerhaushalte in Deutschland zwischen 55 und 75 Jahren innerhalb von 20 Jahren mindestens ein Mal umgezogen. Das städtische Amt für Statistik und Stadtforschung gibt für 2018 57 100 Einwohner:innen über 65 Jahre an, schreibt Schwarz. Von ihnen leben 19 600 alleine. Wenn nur zwei Prozent pro Jahr zum Umzug bereit wären, wären das 3600 Personen. Umgerechnet auf die durchschnittliche Wohnungsgröße könnten 98 000 Quadratmeter Wohnraum frei werden, was etwa 1168 Wohnungen entspreche. Schwarz fügt allerdings an, dass die Kommunen dennoch nicht umhin könnten, neue Wohnungen zu erstellen.

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