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Homeschooling in der Wohngruppe: Erzieherin Sherin Stallmann mit Jugendlichen bei den Hausaufgaben.
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Homeschooling in der Wohngruppe: Erzieherin Sherin Stallmann mit Jugendlichen bei den Hausaufgaben.

Kinder und Jugendliche

Kritik von Wiesbadener Pädagogen: Jugend-Wohngruppen wegen Corona besonders belastet

  • Madeleine Reckmann
    VonMadeleine Reckmann
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Kinder und Jugendlichen in stationären Einrichtungen werden seit Corona-Pandemie oft rückfällig. Betreuuende berichten aus dem Alltag einer Wiesbadener Wohngruppe.

  • Eigentlich stabile Kinder und Jugendliche fallen durch Corona in alte Krankheits-Muster zurück.
  • Depressionen, Sucht und Suizidgedanken in Wiesbadener Wohngruppen nehmen zu.
  • Betreuende aus Wiesbaden sehen in der Situation auch ein politisches Problem.

Wiesbaden - Marcel hat sein Leben mit viel Sport in den Griff gekriegt, seitdem er in einer Wohngruppe der Jugendhilfe im Wiesbadener Wellritztal lebt. Die Trainings im Eishockey, Handball und Fitnessstudio verleihen seinem Tag Struktur, und sein chaotisches Innenleben wird zunehmend ausgeglichener. Die Schulleistungen des 16-Jährigen verbessern sich. Und er schafft es sogar, wieder einen guten Kontakt zu seiner Mutter herzustellen. „Er war einer unserer stabilsten Jugendlichen“, berichtet die Erzieherin Sherin Stallmann, die Marcel in der dezentralen Jugendhilfeeinrichtung der Evangelischen Inneren Mission in Nassau (EVIM) betreut.

Dann kommt Corona. Wegen der Kontaktverbote fällt der Sport für die Jugendlichen aus der Wiesbadener Wohngruppe aus. Der Junge, der in Wahrheit anders heißt, beginnt psychisch auffällig zu werden, obwohl dies bei ihm noch nicht bekannt war. Er schläft schlecht, hört Stimmen und verletzt sich selbst. Schließlich kommt der Jugendliche in eine psychiatrische Klinik und seine Krankheit wird seitdem medikamentös und therapeutisch behandelt.

Labile Jugendliche sind durch Corona besonders belastet

Wie Kinder und Jugendliche auf die pandemiebedingten Einschränkungen in ihrem Leben reagieren, gerät allmählich in den Fokus. Unbeachtet blieben aber diejenigen, die wegen ihrer Probleme stationär untergebracht seien, meint Klaus Friedrich, Fachbereichsleiter der EVIM-Jugendhilfe in Wiesbaden. „Wir versuchen ansonsten, die Privatsphäre unserer Kinder und Jugendlichen zu schützen, damit ihnen niemand einen Stempel aufdrückt“, erklärt er. Aber jetzt sucht er den Kontakt zur FR. „Die Jugendhilfe geht in der öffentlichen Wahrnehmung unter“, erklärt er. Gerade die Kinder und Jugendlichen, die ohnehin schon labil seien, würden durch Corona zusätzlich belastet und in der Schule abgehängt. Für Friedrich ist das eine politische Frage. „Was sind uns diese Kinder wert?“ Auch die Erzieher:innen würden in der öffentlichen Debatte nicht berücksichtigt. Als jetzt die Impfreihenfolge zugunsten von Lehrer:innen und Erzieher:innen geändert wurde, seien laut Friedrich die Jugend- und Heimerzieher:innen vergessen worden. Und das, obwohl sie seit Beginn der Pandemie ununterbrochen arbeiteten.

Die Schicksale in den Wohngruppen gleichen sich: Krankheiten kommen zurück

Marcels Geschichte steht symptomatisch für viele andere. Da ist der 18-Jährige, der seine Computersucht mit Baseball schon fast besiegt hat. Die Schulnoten bessern sich, er nimmt Kontakt zu anderen Jugendlichen auf, mit den Eltern klappt es besser. Das Corona-Jahr bringt die Computersucht zurück. „Er ist jetzt wieder der schüchterne Schüler, den wir von vor zwei Jahren kannten“, berichtet Stallmann. Oder die 14-Jährige, deren Depression sich so verschlechtert, dass der Erzieher Christian Feulbach und seine Kolleg:innen aus der Tiergestützten Wohngruppe der EVIM am Wiesbadener Geisberg nächtelang an ihrem Bett sitzen, damit sie sich nichts antun kann. Dennoch muss sie wegen der starken Suizidgedanken fünf Mal in eine Notfallstation einer Kinder- und Jugendpsychiatrie gebracht werden. Inzwischen besucht sie eine Tagesklinik.

„Wir versuchen, Aktivitäten anzubieten“, berichtet Stallmann aus dem Alltag der achtköpfigen Wohngemeinschaft, „aber die Ersatzangebote für die Außenkontakte werden schnell langweilig.“ Die Freunde oder die erste Liebe der Jugendlichen können die Erzieher:innen nicht ersetzen. Manchmal sei der Kontakt mit den Eltern nur in Begleitung erlaubt. Deshalb falle er schon lange aus.

Alle Jugendlichen gleichzeitig zu unterrichten ist in den Wohngruppen kaum möglich

In den Wohngemeinschaften hat jeweils ein Erzieher oder eine Erzieherin 24-Stunden-Dienst. Sie müsse sich beim Homeschooling um acht Schulen mit ihren unterschiedlichen Kommunikationssystemen und dem Lerninhalt auseinandersetzen. „Da sind Schüler mit ADS, ADHS und Lese- und Rechtschreibschwäche dabei“, so Stallmann. Sehr schwierig sei das. Zudem seien die Jugendämter wegen mangelnder Ausrüstung für die Jugendhilfeplanung oft nicht ansprechbar. „Man ist ganz auf sich allein gestellt.“

Die Kinder und Jugendlichen würden sich zwar gut an die Regeln halten. Aber in den Wohngruppen dominierten Frust, Wut und Trauer, berichtet Feulbach. Viele sehnten sich nach ihrer Mutter. Da die Herkunftsfamilien durch Corona auch zusätzlich belastet seien, entgleite ihnen oft die mühsam aufgebaute Tagesstruktur. „Manche Jugendliche kommen nach einem Wochenende bei der Herkunftsfamilie verstört zurück, weil nur geschrien und gestritten wurde“, sagt Feulbach. Manchmal müssten dann die Besuche zum Wohle des Kindes ausgesetzt werden. (Madeleine Reckmann)

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