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Wiesbaden: Wo Kuckuck und Feldgrille leben

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Von: Mirjam Ulrich

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Hier könnte das Wohngebiet „Ostfeld“ entstehen.
Hier könnte das Wohngebiet „Ostfeld“ entstehen. © Michael Schick

Der BUND informiert über die Bedeutung des „Ostfelds“ für Tierwelt, Klima und Landwirtschaft. Und sieht Alternativen zur Bebauung des Areals

Das kleine Wäldchen hinter der Siedlung Fort Biehler wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Dort kommen jedoch gleich zwei gefährdete Vogelarten vor: Grünspecht und Kuckuck wie auch der streng geschützte Mittelspecht. Ein Gutachten bewerte das Wäldchen als einen „überdurchschnittlich artenreichen Lebensraum für Brutvögel“, sagt Theis Stüven vom Wiesbadener Kreisverband des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND). Der promovierte Biologe und Vorstandssprecherin Julia Beltz informieren bei einem Spaziergang rund um die Siedlung Fort Biehler in Mainz-Kastel über die möglichen Auswirkungen des geplanten Stadtentwicklungsprojekts „Ostfeld“ auf wertvolle Biotope.

Zu den 23 Teilnehmer:innen aus Wiesbaden und Mainz gehört auch Daniel Schmitt. „Ich habe viel vom ,Ostfeld‘ gehört und will mir heute selbst einen Eindruck verschaffen“, sagt der Wiesbadener. Flächenversiegelung, Wohnraum und die soziale Frage bezeichnet er als eines der „heißen Themen“ in der Landeshauptstadt.

Seltene Heuschrecken

Bevor die Gruppe vor der Sonne und Hitze im Wäldchen Schatten sucht, zeigen Beltz und Stüven, wie weit das Planungsgebiet reicht. Es umfasst insgesamt 450 Hektar, von denen rund 68 bebaut werden sollen. Hinzu kommen noch die Flächen für Wege und Freizeitflächen. Außer dem neuen Stadtquartier „Ostfeld“ für 8000 bis 12 000 Bewohner:innen ist jenseits der Autobahn 66 im „Kalkofen“ noch ein Gewerbegebiet von etwa 27 Hektar für den zentralen Standort des Bundeskriminalamts (BKA) mit 5000 bis 7000 Beschäftigten geplant.

EXKURSION

Das Stadtplanungsamt lädt für Freitag, 19. August, 14 Uhr zu einer Exkursion zum Rhein-Main-Ufer in Kastel und zum Ostfeld ein. Die geführte Tour zu Fuß und mit dem Bus dauert vier Stunden und ist kostenfrei.

Eine Anmeldung ist nötig per E-Mail an natalia.zayarnaya@wiesbaden.de, Telefon 0611 / 317 727. miu

Weitere Touren und Infos zum Städtebau im Rhein-Main-Gebiet gibt es online: www.grosser-frankfurter- bogen.de/gfb-sommer22

„Die Landschaft wird sich verändern, weil Tausende von Menschen hier unterwegs sein werden“, sagt Julia Beltz. Das Wäldchen am Fort Biehler bekomme dadurch den Charakter eines Stadtparks. Sie zitiert aus Gutachten, denen zufolge auf beiden Seiten des Zwerchwegs gefährdete Salamander, streng geschützte Zauneidechsen sowie eine landesweit bedeutende Population von Mauereidechsen vorkommen. Auch seltene Heuschreckenarten wie die Feldgrille und die in Hessen gefährdete zweifarbige Beißschrecke leben dort sowie die seltene schwarze Ringelnatter. Auf dem Gelände des Cyprusparks gibt es Bilche, die auf der Roten Liste gefährdeter Arten stehen.

Über Alternativen reden

Theis Stüven weist auf die Lichtverschmutzung hin: „Das Licht wirkt wie ein Staubsauger auf Nachtfalter, ihr Verschwinden wirkt sich auf die Vögel und die hier vermuteten Fledermausarten aus.“ Haustiere wie freilaufende Katzen gefährden ebenfalls den Tierbestand. Und die neuen Verkehrswege schlagen Schneisen, es drohe eine Verinselung der Biotope.

Die Teilnehmer:innen stellen viele Fragen, etwa zur Wasserversorgung, Verkehrsanbindung, und zur Kalt- und Frischluftschneise. „Wiesbaden hat sich doch schon in Klarenthal und Naurod die Frischluftschneisen zugebaut“, wirft ein Teilnehmer in die Diskussion. Margot Schilling bereiten die Ackerflächen Sorge, die durch das Bauvorhaben verloren gehen: „Die Landwirte ernähren uns, die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig die regionale Versorgung ist.“ Über die Äcker und Wiesen versickere zudem Wasser, gibt ein anderer Teilnehmer zu bedenken.

„Je mehr ich darüber höre, desto mehr Risiken, auch Planungsrisiken, sehe ich“, sagt Daniel Schmitt. Er findet, es sollte über die Alternativen gesprochen werden. Stüven verweist auf die Voruntersuchung zum Zielabweichungsverfahren, demzufolge in Wiesbaden zehn Standorte für die Wohnbebauung besser geeignet sind als das „Ostfeld“. Mit diesen kleineren Flächen „kann man besser und schneller auf den sich entwickelnden Bedarf am Wohnungsmarkt reagieren und somit den Flächenverbrauch möglichst gering halten“.

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