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Wiesbaden will Fußverkehr sicherer machen

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Von: Diana Unkart

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Für die Fußgängerinnen und Fußgänger sind die engen Gehwege gefährlich. Michael Schick
Für die Fußgängerinnen und Fußgänger sind die engen Gehwege gefährlich. Michael Schick © Michael Schick

Im Stadtteil Bierstadt wird derzeit an Visionen für einen gleichberechtigten Fußverkehr gearbeitet. Sie umzusetzen, ist mit Einschränkungen für Autofahrer verbunden.

Es ist katastrophal, hier über die Straße zu kommen“, ruft ein Anwohner aus dem Fenster, als er die Gruppe Fußgänger:innen an der Kreuzung Schultheißstraße-Raiffeisenstraße im Wiesbadener Vorort Bierstadt erblickt. Von zwei Seiten nähern sich Autos. Die Straßen sind unübersichtlich und schmal. Pferdegespannen mögen sie einst ausreichend Platz geboten haben.

Heute aber schieben sich Gelenkbusse zwischen Häuserwänden und parkenden Autos hindurch. Für die Fußgänger:innen ist auf dem nicht einmal meterbreiten Gehweg eigentlich kein Platz. „Fußgänger sind Verkehrsteilnehmer dritter Klasse“, urteilt ein Mann aus der Gruppe. Das soll sich nun aber ändern.

Bertram Weisshaar und sein Kollege Patrick Riskowsky vom Fachverband Fußverkehr Deutschland, kurz Fuss e.V., haben gemeinsam mit Bürger:innen und Fachleuten Ideen entwickelt, wie Straßen in Bierstadt fußgängerfreundlich gestaltet werden könnten.

Wiesbaden ist eine von fünf Modellstädten für besseren Fußverkehr. Das von Fuss e.V. initiierte Projekt trägt den Titel „Gut gehen lassen“. Bierstadt konnte sich bei einer Abstimmung zur Frage, welches Quartier genauer untersucht werden soll, durchsetzen. Nun sind während eines Spaziergangs Ergebnisse der Stärken-Schwächen-Analyse präsentiert worden. Die Anliegen und Nöte der Zufußgehenden könne nämlich nur verstehen, wer sich selbst auf die Beine mache, sagt Weisshaar.

Als die Gruppe an der Kreuzung Schultheißstraße-Raiffeisenstraße mögliche Lösungen diskutiert, zeigt sich, wie schwierig es ist, eine Gesellschaft, die sich jahrzehntelang voll und ganz dem Auto verschrieben hatte, für die Belange von Fußgänger:innen zu sensibilisieren. Es fehlen rechtliche Voraussetzungen, die es den Kommunen zum Beispiel erlauben, in solch engen und für Fußgänger:innen gefährlichen Straßen Tempo 30 anzuordnen.

Wiesbaden ist dem „Bündnis lebenswerte Städte durch angemessene Geschwindigkeiten“ beigetreten, das sich für eine Änderung des Straßenverkehrsrechts und mehr Entscheidungsfreiheit für die Kommunen einsetzt.

Die Gehcheck-App

Mit der Gehcheck-App des Interessenverbandes Fuss e. V. können Schwachstellen von Fußwegen, fehlende Fußgängerüberwege etwa oder nicht abgesenkte Bordsteine, festgehalten werden.

Jeder kann die App nutzen . Alle Schwachstellen sind auf einer Karte sichtbar. So soll eine Datensammlung entstehen, die Aussagen über die Qualität des Fußwegenetzes einer Stadt oder eines Dorfes zulässt. diu

Fallen Parkplätze weg, erhöht sich der Parkdruck. Der, so sagt ein Mitglied des Ortsbeirates, sei gerade am Abend, wenn die Menschen von der Arbeit nach Hause zurückkehrten, immens. Aber gelingt es nicht, die Gehwege attraktiver zu gestalten, werden die Menschen kaum bereit sein, zu Fuß zu gehen und präferieren weiter das Auto. Es ist ein Dilemma. Bertram Weisshaar sagt, es gehe bei dem Projekt nicht darum, Minimallösungen zu finden. Mehr Fußgängerüberwege, breitere Gehwege – auch durch den Wegfall von Stellflächen und Fahrspuren – Geschwindigkeitsreduktion und die Schaffung von Mittelinseln könnten Lösungen für die ausgemachten Schwachstellen sein. Schritt für Schritt müsse eine solche Umgestaltung angegangen werden, rät er. „Die Menschen müssen erleben, dass es ein Gewinn ist, zu Fuß zu gehen.“

Die Absurditäten der Autofixiertheit zeigen sich auch an anderer Stelle in Bierstadt. Dort ist der ohnehin schmale Gehweg einem einzelnen Autostellplatz geopfert worden. Ein paar Meter weiter wird der Straßenraum breit. Die Autos können quer parken. Der Gehweg jedoch ist so schmal, dass schon bei der Begegnung von zwei Personen eine den Gehweg verlassen muss. Es gibt einige solcher Gefahrenstellen. Manche Gehwege können von Personen mit Rollstuhl oder Rollator nicht genutzt werden, weil auch die Bordsteine zu hoch sind.

Während des Spaziergangs entsteht die Vision einer Einkaufsstraße mit Außengastronomie und Begrünung. Unter gewissen Voraussetzungen böten sich Kommunen zwei Handlungsmöglichkeiten: Sie könnten einen Geschäftsbereich ausweisen, in dem Tempo 20 gilt und die Autos Vorrang haben oder einen verkehrsberuhigten Bereich mit Vorrang für Fußgänger:innen, erläutert Sascha Baron. Er ist Abteilungsleiter im Tiefbau- und Vermessungsamt der Stadt und begleitet das Projekt seit seinen Anfängen.

Dass sich in Wiesbaden mehr als 60 Frauen und Männer – so viele wie in keiner anderen Modellstadt – bereit erklärt hätten, als sogenannte Quartiersgeher:innen für eine Verbesserung der Fußwege aktiv zu werden, sei ein Hinweis darauf, welche Bedeutung das Thema inzwischen in Wiesbaden habe, so Baron.

Das vom Bundesumweltministerium und vom Umweltbundesamt geförderte Projekt „Gut gehen lassen“ läuft noch bis April 2023. Anfang des kommenden Jahres wird der Abschlussbericht samt Handlungsempfehlungen der Stadtverwaltung vorgelegt.

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