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Geschäftsführender Gesellschafter Karl Louis zeigt einen am 16. April 1867 in Wiesbaden aufgegebenen Brief von Sara Baum mit Zieladresse New York.

Haub-Versteigerung

Wertvolle Post in Wiesbaden: Haub-Sammlung wird aufgelöst

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Im Wiesbadener Auktionshaus Köhler steht die größte Versteigerung seit langem bevor. Die Sammlung des Tengelmann-Miteigentümers Erivan Karl Haub wird aufgelöst.

Als Ernst Sieber im thüringischen Ohrdruf Ende Mai 1867 eine Rechnung aus Arnstadt erhielt, wird er kaum auf die „Franco-Zettelchen“ geschaut haben, wie Briefmarken damals genannt wurden. Zwei Marken zu je einen Viertel Silbergroschen klebten auf dem Papierbogen, den der Absender geschickt so zusammenfaltete, dass er auch als Kuvert diente. Vermutlich waren der Poststelle die Marken des Thurn und Taxis-Unternehmens zu einem halben Silbergroschen ausgegangen. Heute sind die beiden Postwertzeichen der damals niedrigsten Wertstufe ein kleines Vermögen wert. Sie markieren das Ende der Thurn- und Taxis-Post. Fünf Wochen später hatte der preußische Staat die Post übernommen und führte andere Briefmarken ein. Viertel-Silbergroschen-Marken gibt es nicht so häufig.

Für Dieter Michelson und Karl-Albert Louis sind Geschichten wie diese der Reiz des Briefmarkensammelns. Die geschäftsführenden Mitgesellschafter der Global Philatelic Network, der unter anderen das Auktionshaus Heinrich Köhler in Wiesbaden gehört, haben ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. „Briefmarken sind Symbole der Vergangenheit. Wer sie erzählen lässt, dem eröffnen sich neue Welten“, sagt Louis, „einen Blick in die Zeit- und Kommunikationsgeschichte.“ Die Beschäftigung damit sei pure Entspannung, sagt er.

Der Holding steht in den kommenden fünf Jahren eine Serie außerordentlicher Auktionen bevor. Sie bietet die verschiedenen Briefmarkensammlungen des Tengelmann-Miteigentümers und im März 2018 verstorbenen Erivan Karl Haub zum Verkauf an. Dem Unternehmen zufolge ist dies die bedeutendste Versteigerungsserie exklusiver Briefmarken seit dem Ende des 20. Jahrhunderts. Erivan Karl Haub ist nicht zu verwechseln mit seinem Sohn Karl Erivan Haub, der seit April 2018 im Matterhorngebiet als vermisst gilt. Sein 1932 in Wiesbaden geborener Vater, Hauptgesellschafter der Holding, war ein in Fachkreisen berühmter Philatelist mit einer besonderen Liebe zu Briefmarken der Altdeutschen Staaten und der amerikanischen Postgeschichte. Allein der Teil der Erivan-Sammlung, der in Wiesbaden versteigert wird, umfasst über 3000 Einzelstücke. Sie sollen für Summen zwischen hundert Euro und siebenstelligen Beträgen den Besitzer wechseln. „Haub hatte die Auflösung seiner Sammlung bereits zu Lebzeiten festgelegt, weil er seine Kostbarkeiten in sicheren Händen wissen wollte“, sagt Michelson.

Kostbarkeiten wie der „Schwarze Einser“, der seine Berühmtheit der Nachlässigkeit eines bayrischen Druckers 1849 verdankt. Der Mann hatte übersehen, dass eine der 15 Ein-Kreuzer-Marken,- die erste Briefmarke Deutschlands -, die zusammen in einem Bogen gedruckt wurden, auf dem Kopf steht. Für den Gebrauch als Postwertzeichen wäre dies auch unerheblich gewesen. Heute ist ein Bogenteil mit diesem auf dem Kopf stehenden Schwarzen Einser etwas ganz Besonderes. Der Startpreis auf der Auktion wird 200 000 Euro betragen.

Der Sachsendreier von 1851 zeigt als Reaktion auf den preußischen Machtanspruch das Konterfei des Sachsenkönigs Friedrich August II. Ursprünglich prangten nur auf englischen Marken der Kopf der Queen und auf den deutschen standen nur die Werte. Die Engländer hatten die „Franco-Zettelchen“ 1840 erstmals ausgegeben, um der Forderung der Wirtschaft nach einem einheitlichen und für den Empfänger kostenfreien Postwesen nachzukommen, erzählt Louis. Preußens König Friedrich Wilhelm IV. ließ 1850 jedoch erstmals sein Bild dort abdrucken, was bei den anderen deutschen Staaten als Affront betrachtet wurde. Der Sachsenkönig zog prompt nach.

Oft sind es nicht einzelne Marken, sondern ganze Briefe, deren besondere Komposition mit Adresse, Postwertzeichen und Stempel den Wert ausmachen. Der Brief, den das amerikanische Konsulat in Frankfurt 1867 nach Paris schickte, ist so ein Zeitdokument, das Geschichte erzählt. Adressiert ist es an ein amerikanisches Restaurant, das auf der Weltausstellung eröffnete, noch ohne Postleitzahl und Straße, frankiert mit zwei Marken zu je sechs Kreuzern.

Wir gehen davon aus, dass einige wenige Liebhaber größere Teile der Sammlung erwerben wollen. Das wird bei der großen Konkurrenz allerdings sehr schwer “, sagt Michelson. Bis die Auktion der Erivan-Sammlung, wie sie offiziell genannt wird, im Juni beginnt, gibt es für die Mitarbeiter des Auktionshauses Köhler noch viel Arbeit. Die Briefe und Marken werden sortiert, fotografiert, beschrieben und im Internet veröffentlicht. Die für die erste Auktion vorgesehenen Exemplare sind dort ab Anfang Mai einsehbar.

Auktionen

Start der Auktionsserie ist am 1. Juni bei der Briefmarken-Weltausstellung in Stockholm. Versteigert werden die weltweiten Raritäten aus der Erivan-Sammlung. Im Abstand von jeweils einer Woche beginnen die Auktionen in den anderen Standorten des Global Philatelic Network. 

Im Wiesbadener Auktionshaus Köhler kommt die Sammlung Altdeutsche Staaten von Erivan Karl Haub am 8. Juni erstmals unter den Hammer. 

In Zürich beginnt die Auktion der Briefmarken „Österreich sowie Lombardei-Venetien“ bei Corinphila Auktionen am 13. Juni. 

Bei der Harmer Auktion in New York wird die Sammlung „Vereinigte Staaten von Amerika“ am 22. Juni erstmals versteigert. 

www.heinrich-koehler.de

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