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Wiesbaden: Wasser sucht sich seinen Weg

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Von: Mirjam Ulrich

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Hier wird nicht nur gespielt, hier wird auch geforscht und gelernt.
Hier wird nicht nur gespielt, hier wird auch geforscht und gelernt. © Michael Schick

Die Stadt Wiesbaden profitiert vom Wasserbaulaboratorium der Hochschule Rhein-Main

An der kleinen Furt des Wellritzbachs spielen Kinder und patschen mit den Füßen durch das Wasser. Auf den Wiesen lagern Familien und junge Pärchen auf Decken. Die Luft ist kühler am renaturierten Bachlauf zwischen Kurt-Schumacher-Ring und Kirschenpfad. Es weht ein leichter Wind. „Der Wellritzbach ist eine wichtige Klimabahn“, sagt Ernesto Ruiz Rodriguez. Der Professor für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der Hochschule Rhein-Main (HRM) führt gemeinsam mit Susanne Weber vom städtischen Umweltamt anlässlich des Wiesbadener „Jahr des Wassers“ eine Gruppe durch den Landschaftspark Wellritztal.

Was viele Wiesbadener nicht wissen: Der Wellritzbach ist die Fließgewässer-Lehrstrecke der Hochschule für die Studiengänge Bauingenieurswesen sowie Umweltmanagement und Stadtplanung in Ballungsräumen. Die Studierenden lernen die Pflanzen kennen und vermessen regelmäßig die komplette Aue. „Der Wellritzbach sieht nach jedem Hochwasser anders aus“, weiß Ruiz Rodriguez. Studierende planten seinerzeit auch die 2005 erfolgte Renaturierung des oberen Bachlaufs und übernahmen die Bauleitung. „Der Wellritzbach war zuvor eine Betonrinne, jegliche Struktur für Flora und Fauna fehlte“, sagt Susanne Weber vom Umweltamt.

Starkregen

Das Umweltamt der Stadt lässt Karten von Starkregengefahren und potenziellen Fließpfaden erstellen.

Die Anwohner:innen rund um die Einzugsgebiete der Wiesbadener Bäche sind gefragt, ihre Erfahrungen und ihr Wissen über das Gelände sowie den Abfluss des Regenwassers online oder telefonisch mitzuteilen. miu

Die Karten, eine Checkliste und weitere Infos gibt es unter: www.wiesbaden.de/starkregen

Über den Umgang mit Regen

Wiesbaden profitiert zudem von der Arbeit im Wasserbau-Laboratorium der Hochschule. Dort forscht seit 2015 die Arbeitsgruppe „Starkregen und Sturzfluten“, die Ernesto Ruiz Rodriguez leitet. „In Wiesbaden kann man alle zwei bis drei Jahre mit einem Starkregen rechnen.“ In kurzer Zeit und meist räumlich begrenzt fallen sehr hohe Mengen Regen – doch lässt sich laut Ruiz Rodriguez nur schlecht vorhersagen, wo genau sie niedergehen.

Der Professor zeigt den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Führung im Wasserbau-Laboratorium die Starkregen-Kipprinne, die er und sein Team gebaut haben. Sie lässt sich unterschiedlich steil einstellen und mit unterschiedlichen Bodenbelägen, etwa mit Kunstrasen, auskleiden. Die Forschungsgruppe untersucht an der Kipprinne, wie der sogenannte Dünnfilmabfluss bei Starkregen ist. Dabei handelt es sich um flache Regenwasserschleier. „Wenn sie sehr schnell fließen und sich schnell in den Bächen wiederfinden, gibt es größere Überflutungsschäden“, erläutert er.

In Zusammenarbeit mit der Uni Karlsruhe entwickelte das Wiesbadener Team Formeln, um die Starkregengefahr zu berechnen. Die Stadt lässt damit flächendeckend Karten erstellen: Die „Fließpfadkarten“ zeigen die Wege, die sich das Wasser bei Starkregen suchen kann. Ist darauf ein Haus rot markiert, müssen sich die Betroffenen mit dem Thema Starkregen auseinandersetzen. Das bedeutet, auch selbst Vorsorge zu treffen, etwa druckstabile und wasserdichte Kellerfenster und -türen einbauen. Für Landwirte sind die Karten ebenfalls wichtig, so können sie zum Beispiel auf rot markierten Äckern die Furchen quer statt längs ziehen. Bis Mitte 2023 sollen zudem alle „Starkregen-Gefahrenkarten“ fertig sein. Sie zeigen zusätzlich zu den Fließwegen, wo sich das Wasser sammeln kann, gibt die maximalen Wassertiefen und die Überflutungsausdehnung an. Beide Kartenarten sind auch für die Planung von Neubaugebieten oder einer Nachverdichtung wichtig, sagt Ruiz Rodriguez: „Man kann keinen Regenschirm über die Neubauten spannen, aber aus den Karten lernen.“

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