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Die Chemikalien gerieten durch Löschschaum ins Wasser, den die Clay-Kaserne in Erbenheim zu Übungszwecken einsetzte.

Wiesbaden

Wiesbaden: Verseuchtes Wasser aus der US-Kaserne breitet sich aus

Behörden untersuchen jetzt Brunnen, Böden und Feldfrüchte in der Umgebung. Eine erste Risikoeinschätzung kommt Ende März.

Die giftigen per- und polyfluorierten Chemikalien (PFC) fließen von der US-Airbase in Erbenheim mit Grundwasser und Bächen in südwestliche Richtung. Die Untersuchungen des städtischen Umweltamts ergeben, dass sie im Käsbach, Ochsenbrunnenbach, Königsfloßbach, im Bereich der ehemaligen Kiesgruben und im Teich des Cyperusparks nachweisbar sind. Die gute Nachricht: Ihre Konzentration nimmt im Verlauf nach unten ab. „Es gibt keine weiteren Einträge“, sagte Umweltamtsleiterin Jutta Braun im Umweltausschuss.

Darüber, ob und wie gesundheitsschädlich das belastete Wasser ist, mag keiner der Fachleute aus den Ämtern von Stadt und Land eine Aussage treffen. In Wiesbaden wurden ein Dutzend der insgesamt 3000 Stoffe der PFC-Gruppe nachgewiesen. Für einige gelten Grenzwerte, für andere Leitwerte. Der Grenzwert für Oberflächengewässer von 36 Mikrogramm pro Liter für PFOS und seine Derivate wurde nirgends erreicht. Der in Wiesbaden gemessene Höchstwert anderer Stoffe, für die nur Leitwerte für Trinkwasser von 0,1 bis 6 Mikrogramm pro Liter existieren, liegt bei 2,3.

Insgesamt schätzen die Ämter die Situation als nicht akut gefährlich ein. Trotz der Belastung des Käsbachs spricht das Umweltamt keine Nutzungseinschränkung aus. „Die Werte sind nicht so dramatisch, um das Gießen zu verbieten, und spielende Kinder trinken das Wasser nicht in Mengen“, sagte Braun.

Die Chemikalie

Die PFC-Stoffeweisen laut Bundesumweltministerium „besorgniserregende Eigenschaften“ auf. In Tierversuchen stellen sich die Substanzen als krebserregend heraus. Zudem stehen sie im Verdacht, die Fruchtbarkeit von Frauen und Männern negativ zu beeinflussen.

Die biologisch nicht abbaubareChemikalie ist in Antihaftbeschichtungen bei Pfannen und Töpfen, Oberflächen von Teppichen oder Möbeln, beschichteten Papieren und Lebensmittelverpackungen enthalten.

Die US-Armyverwendet keinen Löschschaum mit dem verbotenen PFOS mehr. Aber die Löschschäume enthalten andere Stoffe aus der Gruppe.

Die Medienberichte vom Februar über die Stoffe, die erstmals 2009 auf einem ehemaligen Löschplatz der US-Airbase festgestellt wurden, haben die Verantwortlichen zu intensiveren Untersuchungen veranlasst. Mehrere Ämter der Landeshauptstadt, das Regierungspräsidium Darmstadt (RP) und das hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) haben sich auf ein zweistufiges Kontrollsystem verständigt. Bis Ende März sollen die Ergebnisse der Wasser- und Bodenproben aus den Kleingärten Am Wasserwerk und der Kiesgrube Delkenheim sowie eine Trinkwasseranalyse eines Aussiedlerhofs vorliegen. Auch ob sich in den Feldfrüchten und Fleischprodukten der Domäne Mechtildshausen und den Fischen im Käsbach die Stoffe nachweisen lassen, soll bis dahin untersucht sein. Bevor die Saison beginnt, möchte das Umweltamt den Gärtnern und der Domäne eine erste Risikoabschätzung geben.

Über den Sommer sollen zudem Brunnen, Oberflächengewässer und Ackerflächen, die in der Vergangenheit mit PFC-haltigem Wasser beregnet worden sein könnten, sowie Feldfrüchte, Futtermittel und der Boden der Domäne Mechtildshausen mehrmals beprobt werden. Die Risikobewertung soll zum Jahresende vorliegen. In zwei Brunnen auf der Domäne hatten Mitarbeiter der HLNUG 2015 PFC-Stoffe festgestellt, worauf diese stillgelegt wurden. Nachdem auch in einem dritten Brunnen überhöhte Werte gemessen wurden, wird dieser seit Juni 2019 nicht mehr genutzt. Wie Geschäftsführer Werner Backes versicherte, seien mit dem Wasser aus diesem Brunnen zuvor die Gänse getränkt worden.

Die PFC-Stoffe sind über Löschschaum in das Wasser geraten. Das RP erfuhr erstmals 2012 von der Kontamination, als es im Aushub für den Bau einer Werkstatt im Osten 2300 Mikrogramm pro Kilo feststellte. Nach einer Teilsanierung sanken die Werte auf bis 429 Mikrogramm. „2016 ging man davon aus, dass mit bis zu 500 Mikrogramm belasteter Boden vor Ort verbleiben dürfe“, berichtete Thomas Ziegelmayer vom RP. Inzwischen wurde eine weiterer Hotspot im Westen der Kaserne gefunden.

Die belasteten Gewässer waren gestern auch Thema im Landtag. „Es ist mehr als nur ein Versäumnis, dass die Behörden keine umfassende Sanierung der Altlasten wie am Frankfurter Flughafen auf den Weg gebracht haben“, kritisiert Die Linke. Eine frühzeitige Sanierung hätte eine Belastung des Grundwassers auf der Domäne Mechtildshausen und anderer Gewässer wahrscheinlich verhindern können. Auf Nachfrage habe Umweltministerin Priska Hinz nicht sagen können, ob der eingetretene Schaden wieder behoben werden könne.

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