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Wiesbaden: Trinkwasser aus Rhein und Main gewinnen

  • Madeleine Reckmann
    VonMadeleine Reckmann
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Gewässerexperte Ernst Kluge über Versorgung auch bei Niedrigwasser und Traditionen der Wirtschaft

Trinkwasser wird immer knapper. Im hessischen Ried und im Vogelsberg schwindet das Grundwasser und die Wälder vertrocknen, weil die Stadt Frankfurt dortiges Wasser verbraucht. Der Wasserexperte Ernst Kluge macht einen Vorschlag, wie das Problem behoben werden kann.

Herr Kluge, Sie plädieren dafür, das Rheinwasser nicht erst im Wald versickern zu lassen und anschließend zu Trinkwasser aufzubereiten, sondern gleich zu Trinkwasser aufzubereiten. Welchen Vorteil hat das?

Heute reinigt man Flusswasser zu Trinkwasser, versickert es in Nähe der Gewinnungsanlagen, gewinnt es und reinigt es erneut in einem Aufbereitungswerk. Die zweite Reinigung im Grundwasseraufbereitungswerk könnte man sich sparen, wenn man das vollgereinigte Flusswasser sofort verwendet.

Wird das Wasser damit genauso sauber?

Wenn man die entsprechende Zahl an Filtern einsetzt, ja. Hessenwasser schreibt in seinem Jahresbericht, dass das Werk Biebesheim Wasser annähernd in Trinkwasserqualität versickert. Zeitweise wurde im Wasserwerk Schierstein Trinkwasser aus Rheinwasser mit nur einer Aufbereitungsanlage gewonnen, bevor die Stadt Wiesbaden es 2018 schloss. Zurzeit betreibt die Stadt Mainz auf der Petersaue ein solches Wasserwerk, von wo Wiesbaden jährlich zwei Millionen Kubikmeter bezieht. Auf der Peters-aue wird das Wasser aus dem Rheinuferfiltrat in 14 Meter Tiefe gewonnen, das ist nicht tief.

Ist die Methode für Rhein und Main anwendbar?

Ja, auch das Mainwasser ist sauberer geworden.

Welche Auswirkungen hätte das auf den Wald, etwa im Ried oder im Frankfurter Stadtwald?

Der Grundwasserpegel würde steigen, denn bislang wird mehr Grundwasser entnommen als aufbereitetes Flusswasser versickert wird. Das Entnahmeverhältnis von Grundwasser und infiltriertem Wasser liegt etwa bei 50:50. Dem Wald würde das guttun.

Gibt es auch Nachteile?

Ich will nicht verschweigen, dass ein Nachteil die Temperatur ist. Aus hygienischen Grünen soll Trinkwasser kalt ausgeliefert werden. Das könnte mit der Flusswasseraufbereitung schwierig werden. Im Sommer müsste man das Wasser kühlen. Aber das ist immer noch weniger aufwendig als die heutige doppelte Aufbereitung.

Wie sehen solche Anlagen aus?

Zuerst werden Chemikalien zur Ausfällung von Inhaltsstoffen zugeführt, die man herausfiltern kann. In einer zweiten Stufe kommen Batterien von Sandbettfilter und Aktivkohlefilter zum Einsatz. Die Anlagen stehen schon.

Die Kosten für das Wasser müssten dann ja sinken?

Ja, weil weniger Aufwand nötig ist. Der unbekannte Faktor ist allerdings die Kühlung.

Das klingt so einfach. Warum wird das nicht gemacht?

Auch die Wasserwirtschaft hat Traditionen, von denen sie nicht gerne lässt. Und die Bevölkerung hat Vorbehalte; die Wiesbadener lieben das Wasser aus den Tiefstollen im Taunus, es ist sehr weich. Das aufbereitete Trinkwasser aus dem Rhein ist viel härter und hat einen schlechten Ruf. Die Leute denken an den Sandoz-Unfall vor 25 Jahren und an BASF. Man müsste mehr Aufklärung betreiben. In Kapstadt wird Trinkwasser sogar aus Abwasser gewonnen, das ist möglich.

Würde das Wasser aus Rhein und Main für den Großraum Frankfurt ausreichen, und das auch bei Niedrigwasser?

Daran gibt es keinen Mangel. Allein der Rhein könnte 4,5 Millionen Menschen in Rhein-Main versorgen. Die Abflussstation Mainz ist für uns relevant. Bei einem mittleren Niedrigwasser kommen dort 66 Millionen Kubikmeter am Tag an. Davon bräuchte man also zehn Prozent. Das gereinigte Abwasser fließt außerdem in die Flüsse zurück.

Wie viele Aufbereitungsanlagen wären notwendig für den Großraum?

Fünf bis sechs Anlagen für das ganze Rhein-Main-Gebiet. Ich wiederhole: Solche Anlagen stehen bereits, man muss sie nur an den Bedarf anpassen und ausbauen.

Welche Interessen verhindern Ihrer Meinung nach diese einfache Methode?

Mit Wasser wird Geld verdient. Die alten Wasserstollen sind abgeschrieben, dann kommt die Tradition dazu. Ich sage schon seit Jahren – und schreibe Bücher darüber –, dass die Bäche durch diese Art der Wassergewinnung austrocknen. Jetzt kommt der Klimawandel dazu. So kann man nicht weitermachen.

Interview: Madeleine Reckmann

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