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Sarah Yurtöven (29) auf dem Friedhof in Bierstadt.
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Sarah Yurtöven (29) auf dem Friedhof in Bierstadt.

Wiesbaden

Wiesbaden: Trauerrednerin auf Instagram

  • Andrea Rost
    VonAndrea Rost
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Die Wiesbadenerin Sarah Yurtöven berichtet in sozialen Netzwerken über ihren Alltag als Trauerrednerin. Tod und Abschied will die 29-Jährige aus der Tabuecke holen.

Die Nachricht von Sarah Yurtöven kommt mitten im Sommer. In einer Zeit, in der für die meisten Menschen unbeschwerte Ferientage im Vordergrund stehen, möchte sie über Tod und Trauer erzählen. In der Pandemie habe sie sich einen langgehegten Wunsch erfüllt und eine Ausbildung zur Trauerrednerin gemacht, schreibt die 29-Jährige. „Die Presse bedient das Thema klassischerweise in den dunklen Monaten. Doch auch im Sommer wird gestorben und getrauert.“

Ihre Worte überzeugen. Wir verabreden uns mit Sarah Yurtöven zum Interview. Und treffen auf eine junge hübsche Frau – schlicht gekleidet, mit modernem Kurzhaarschnitt und schicker Brille. Wer sie auf der Straße trifft, würde nicht vermuten, dass sich die Wiesbadenerin mehrmals pro Monat von trauernden Angehörigen die Lebensgeschichte Verstorbener erzählen lässt, um dann Reden zu schreiben, die sie bei den Beerdigungen hält.

Trauerrednerin zu sein ist für Sarah Yurtöven eine Berufung, es ist nicht ihr Beruf. Den Lebensunterhalt verdient sie seit ihrem Linguistikstudium als Markenstrategin in einer Wiesbadener Werbeagentur. Die Arbeit mache ihr Spaß, sagt sie. Ihr Engagement als Trauerrednerin, das zum Alltag in der Agentur einen Kontrapunkt setzt, tut das ebenso. Beides lasse sich gut miteinander verbinden. „Mein Arbeitgeber lässt mir viel Freiheit.“

Als „Schatzsucherin in Lebensgeschichten und Spurenleserin“ bezeichnet sich Sarah Yurtöven. Mehr als ein Dutzend Trauerreden hat sie bereits gehalten – auf Friedhöfen in Wiesbaden und im Main-Taunus-Kreis. Weil viele Menschen aus der Kirche austreten, sei der Wunsch nach freien Trauerredner:innen größer geworden, sagt sie. Ihr selbst ist Kreativität wichtig, sie will das Besondere des Menschen, über den sie spricht, in den Vordergrund rücken, der Zeremonie eine ganz persönliche Note verleihen. So wie bei der Trauerfeier für einen Bierenthusiasten, dessen Witwe an der Bierkrügesammlung ihres Mannes verzweifelte. „Wir haben die Krüge als Geschenk an die Gäste verteilt“, erinnert sich Yurtöven. „Die Witwe war die Sammlung los, und alle aus der Trauergemeinde hatten eine bleibende Erinnerung.“

Auf Instagram und Facebook berichtet Sarah Yurtöven unter dem Schlagwort „Redenschirm“ regelmäßig über ihren Alltag als Trauerrednerin und teilt ihre Gedanken, um, wie sie sagt, „einen Beitrag zur Enttabuisierung von Abschied, Tod und Trauer zu leisten“. In ihrer eigenen Familie sei immer offen mit derlei Fragen umgegangen worden. „Deshalb fällt es mir auch nicht schwer, mich mit den Themen zu befassen.“

Gerade in den letzten Tagen häufen sich die Anfragen nach von ihr verfassten Trauerreden. „Ich bin sehr berührt von dem Vertrauen. Und ich habe Respekt vor der Herausforderung“, sagt Sarah Yurtöven. Und dann erzählt sie von der Frau, die Kontakt zu ihr aufnahm, um bereits zu Lebzeiten die eigene Beerdigung zu planen.

Sarah Yurtöven hat sich lange mit ihr unterhalten, Notizen gemacht, die Trauerrede geschrieben. Wann sie sie halten wird, weiß sie noch nicht. „Ich hoffe, dass der Tag meines Einsatzes noch in weiter Ferne liegt.“

Sarah Yurtöven auf dem Friedhof in Bierstadt. Sie will die Themen Abschied, Tod und Trauer enttabuisieren. Michael SChick

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