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Wiesbaden: „So manch beladener Lastwagen steht auf dem Hof“

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IHK-Leiterin Caroline Meumann über die Probleme der Wirtschaft in Kriegszeiten

Der Krieg in der Ukraine trifft die Wirtschaft. Caroline Meumann steht mit einigen Unternehmen in Kontakt.

Frau Meumann, der Krieg in der Ukraine trifft auch Unternehmen in Wiesbaden, die mit Russland oder der Ukraine Geschäfte machen. Wie viele sind betroffen?

Uns sind rund 70 Unternehmen aus unserer Region bekannt, die geschäftliche Beziehungen in die beiden Länder haben. Sie stammen aus allen Branchen und sitzen überwiegend in Wiesbaden. Aber auch einige Unternehmen aus dem Rheingau-Taunus-Kreis und Hochheim sind betroffen. Russland ist für viele ein wichtiger, aber meist nicht der einzige Geschäftspartner. Die Ukraine ist ein großer Zielmarkt für Produkte aus Hessen, aber auch als Herkunftsland für Importe. Wir sind im engen Austausch mit unseren Mitgliedern, um gemeinsam herauszufinden, wer besonders stark betroffen ist und wie wir jetzt unterstützen können.

Kann man denn zurzeit in diese beiden Länder liefern?

Lieferungen in die Ukraine sind wegen der Kriegshandlungen und zerstörter Infrastruktur kaum möglich. Gegen Russland werden die Sanktionen fast täglich verschärft, so dass Geschäfte gründlich vorab geprüft werden müssen. Die Unternehmen müssen sich vier Fragen stellen: Erstens: An wen liefere ich? Mit bestimmten Personen dürfen keine Geschäfte gemacht werden. Ganz einfach gesagt darf man an sie nicht mal Obst verkaufen. Sie könnten es weiterverkaufen und dadurch Gewinne erzielen. Zweitens: Wohin liefere ich? Ein komplettes Embargo gibt es auch gegen Russland nicht. Drittens: Was liefere ich? Nicht jedes Produkt ist verboten. Viertens: Und wofür wird die Ware eingesetzt? Bestimmte Waren können sowohl zivil als auch militärisch eingesetzt werden. Ein Export muss dann vorab vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) genehmigt werden.

Die Frage ist, wie kommen die Güter dorthin?

Genau, da steht jetzt so mancher fertig beladene Lastwagen auf dem Hof. Die Unternehmen wissen nicht, ob sie ihn losschicken sollen. Theoretisch sind die Routen über das Baltikum und die Ostsee nach Russland noch nicht vom Krieg betroffen. Viele Reedereien und Logistikunternehmen fertigen aber bereits keine Container mehr nach Russland ab.

Wie kamen die Geschäfte der Mittelständler mit Russland und der Ukraine zustande?

Wir selbst bahnen keine Geschäfte an. Hier sind die deutschen Auslandshandelskammern tätig. Sie unterstützen Unternehmen bei der Geschäftspartnersuche im Zielland. Dieses Netzwerk hilft uns jetzt auch in der Krise: Die AHKs sind Ansprechpartner vor Ort und unsere direkte Verbindung nach Kiew und Moskau.

Und wie sind Sie ihnen jetzt behilflich?

Sanktionen und Embargos sind grundsätzlich nicht neu. Bekannt ist das Embargo gegen den Iran. Als Reaktion auf die Annexion der Krim durch Russland gilt schon seit 2014 u. a. das Verbot, Güter zur Förderung von Erdöl zu liefern. Die Sanktionen sind Teil des Außenwirtschaftsrechts, und viele Waren unterliegen der Exportkontrolle des Bafa. Wir als Industrie- und Handelskammer informieren dazu, wir klären Details, wir sind also erster Ansprechpartner und Mittler.

Gibt es bei Ausfällen finanzielle Unterstützung?

Aktuell plant die Bundesregierung für betroffene Unternehmen ein Kreditprogramm über die KfW. Viele besitzen auch Exportkreditversicherungen. Der Kriegsfall ist dabei aber meistens ausgeschlossen. Der Bund hat die sogenannten Hermesdeckungen bereits in der vergangenen Woche ausgesetzt. Er sichert aktuell Lieferungen nach Russland im Wert von rund elf Milliarden Euro ab. Die könnten jetzt ausfallen.

Wie können die Waren aktuell bezahlt werden?

Rein technisch ist das Bezahlen schwierig geworden. Russland wurde vom Swift-Zahlungssystem weitgehend ausgeschlossen. Zwei große russische Banken können jedoch weiterhin Geschäfte abwickeln. Außerdem ist der Rubel stark in die Knie gegangen. Einige Unternehmen gehen dazu über, nur über Vorkasse zu liefern, bezahlt werden muss in einer krisensicheren Währung wie Dollar, Euro oder auch in Schweizer Franken.

Sind die Unternehmer und Unternehmerinnen verzweifelt?

Der Ukrainekrieg bestürzt alle. Geschäftlich gesehen nehmen wir durchaus Verunsicherung war. Viele Unternehmen haben Krisenpläne, die sie jetzt aktivieren. Wir stehen bei Detailfragen zur Seite.

Interview: Madeleine Reckmann

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