1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Wiesbaden

Wiesbaden: „Schritte in die richtige Richtung“

Erstellt:

Von: Mirjam Ulrich

Kommentare

Die Region hat viel zu bieten, aber auch die Stadt ist nicht ohne
Die Region hat viel zu bieten, aber auch die Stadt ist nicht ohne © Michael Schick

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Wiesbaden erhofft sich von der neuen Tourismusstrategie der Stadt Synergieeffekte.

Die Stadt Wiesbaden und der Rheingau vermarkten sich nun als Reiseziel gemeinsam. Über die neue „Tourismusstrategie 2026+“ und die Bedeutung der Branche für die Einheimischen sprechen IHK-Präsident Christian Gastl und IHK-Geschäftsführerin Sabine Meder.

Herr Gastl, Frau Meder, die Urlaubszeit beginnt. Wie geht es der lokalen Tourismusbranche im dritten Jahr der Pandemie?

Sabine Meder: Die Zahl der ankommenden Gäste wie auch die Zahl der Übernachtungen liegt immer noch etwa 50 Prozent unter dem Niveau vor Corona. Immerhin, die durchschnittliche Aufenthaltsdauer hat sich verlängert: Im Rheingau-Taunus blieben die Gäste 2019 knapp zweieinhalb Tage und 2021 gut viereinhalb Tage. Ob sich der Trend verstetigt, muss man mal schauen. Außerdem fehlen die Fachkräfte.

Wie bedeutend ist denn hier die Branche als Wirtschaftsfaktor?

Christian Gastl: In Wiesbaden wurde 2019 mit dem Tourismus ein Bruttoumsatz von 685,7 Millionen Euro generiert. Rund zwei Drittel der Umsätze entfallen hier auf den Tagestourismus. Alleine aus Mehrwert- und Einkommensteuer resultieren etwa 63,9 Millionen Euro Steueraufkommen aus dem Tourismus in der Landeshauptstadt. Das kommt jedoch als Gemeinschaftssteuer Bund, Ländern und Kommunen zu. Der relative Anteil der touristischbedingten Einkommen an allen Primäreinkommen beträgt in Wiesbaden 3,5 Prozent. Das mag überschaubar sein, aber wenn man das mal hochrechnet auf die Anzahl derjenigen, die ihren Lebensunterhalt dadurch bestreiten, ergibt das rund 9660 Personen. Die Zahl der Erwerbstätigen, die direkt oder indirekt finanziell vom Tourismus profitieren, liegt deutlich höher, schätzungsweise bei 15 bis 25 Prozent.

Profitieren die Einheimischen noch anderweitig vom Tourismus?

Christian Gastl: Alles, was man für den Tourismus tut, kommt letztendlich auch ihnen zugute. Er wirkt sich auf die allgemeinen Kultur-, Sport- und Freizeitangebote einer Region aus. Das eine befördert ja das andere. Wenn es viel touristische Aktivitäten gibt, werden solche Angebote vorgehalten – und umgekehrt: Nur wenn es genug Menschen gibt, die das entsprechend goutieren und nutzen, steht es weiterhin im Fokus und wird ausgebaut.

Es gibt nun eine neue, umfassende „Tourismusstrategie 2026+“. Ein Aspekt ist, dass Wiesbaden und der Rheingau eine Markenfamilie bilden mit einem neuen Logo. Haben die Landeshauptstadt und Lorchhausen denn etwas gemeinsam – außer, dass beide zum selben Weinanbaugebiet gehören?

Christian Gastl: Beide, die Stadt ebenso wie die etwas ländlicheren Gebiete im Rheingau, haben ihren eigenen Reiz. Touristische Attraktivität lebt von der Vielfalt. Deswegen kommen die Touristen ja, weil sie hier auf relativ kurzer Distanz alles erleben können: das kulturelle Angebot einer Großstadt und die Wanderung durch die Weinberge mit Blick auf den Rhein.

Sabine Meder: Gemeinsam erreichen Wiesbaden und der Rheingau mehr Publikum als wenn sich jeder allein vermarktet. Es eröffnet die Chance einer richtigen Zusammenarbeit und wir hoffen, dass dadurch auch Synergieeffekte entstehen.

Zur Person

Christian Gastl ist seit 2014 Präsident der IHK Wiesbaden. Der promovierte Diplom-Kaufmann ist Geschäftsführer der B + G Revisions- und Beratungsgesellschaft mbH in Wiesbaden.

Sabine Meder steht seit 1. Januar 2019 an der Spitze der IHK Wiesbaden. Seit 2015 ist die Diplomkauffrau Geschäftsführerin Finanzen und Organisation bei der IHK. miu

An welche denken Sie dabei?

Sabine Meder: Den Tourismus allein zu betrachten, ergibt wenig Sinn, wenn man dabei die Attraktivität der Innenstadt nicht im Auge hat oder die Mobilität. Man muss das miteinander zusammendenken und entwickeln.

Christian Gastl: Die Infrastruktur muss mitwachsen. Und man muss sie als ganzheitliches Konzept begreifen und sollte keinen Verkehrsträger gegen den anderen ausspielen.

Sabine Meder: Es kommt darauf an, Auto, Bus und Bahn sowie den Radverkehr intelligent zu vernetzen. Dass man alle Verkehrsträger geschmeidig nutzen und umsteigen kann, vom Auto oder der Bahn aufs Fahrrad oder auch aufs Schiff. Das alles nützt denen, die hier wohnen, ebenfalls.

Die neue Tourismusstrategie zielt auf das „postmaterielle Milieu“ ab, also liberal eingestellte Menschen mit sehr guter Bildung und hohem Nettoeinkommen, die sich engagieren, nachhaltig-ökologisch interessiert sind und Städte, Kultur und Natur aktiv erleben wollen.

Sabine Meder: Diese Gruppe möchte von allem etwas. Tagsüber wandern und abends in die Oper oder ins Konzert, auch kulinarischen Genuss, Wellness und durch originelle Geschäfte bummeln. All das haben Wiesbaden und der Rheingau zu bieten. Statt sich wie bisher thematisch zu vermarkten, etwa als Tagungsort, Städtereise oder Wellness-Angebote, fokussiert man sich auf die Zielgruppe, bei der man die beste Resonanz und die größte Strahlwirkung erreicht. Es bedeutet nicht, dass die anderen Milieus ausgegrenzt werden, die bleiben ebenfalls willkommen. Und für die sind die Angebote hier genauso attraktiv.

Woran fehlt es derzeit noch?

Sabine Meder: Die „Tourismusstrategie 2026+“ legt einen Schwerpunkt auf die Digitalisierung. Da passiert auch schon einiges, aber von einer multimodalen App, über die man alles buchen und bezahlen kann von der Veranstaltung bis zur Fahrkarte und mit der ich auch die GPS-Koordinaten für die Wanderung herunterladen kann, sind wir noch weit entfernt. Sie sollte einfach und barrierefrei funktionieren, auch unterwegs auf dem Smartphone. Und Transparenz ist wichtig, so dass ich sehe, wie sind die Stornobedingungen oder wie weit die Entfernungen, schaffe ich das überhaupt in der Zeit?

Christian Gastl: Ein Wermutstropfen ist, dass der touristisch interessante Untertaunus im neuen Konzept außen vorgelassen wurde. Unser Ansinnen ist, dass dieser ebenfalls integriert wird. Wichtig ist außerdem, nach außen verstärkt zu zeigen, wie attraktiv unsere Region ist. Es gibt jetzt den Imagefilm „Wiesbaden – Rheingau“ und eine neue Ausgabe des Merian-Hefts. Das sind Schritte in die richtige Richtung.

Interview: Mirjam Ulrich

Der Film „Wiesbaden – Rheingau“ findet sich auf Youtube und auf: tourismus.wiesbaden.de

Auch interessant

Kommentare