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Wiesbaden: Scheinarbeit bei der AWO

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Von: Madeleine Reckmann

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Ein Wiesbadener CDU-Politiker und seine Tochter stehen vor Gericht. Sie hatte einen Job ohne Aufgabe.

In ausführlichen persönlichen Erklärungen haben gestern die beiden Angeklagten Wolfgang Gores und seine Tochter vor dem Amtsgericht Wiesbaden zu beschreiben versucht, wie es zu der Scheinbeschäftigung der Tochter bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Wiesbaden kommen konnte. Eigentlich sehen sich beide als rechtschaffene Menschen, die Leistungen mit Gegenleistung verbinden. Der Vater arbeitete 43 Jahre als Polizeibeamter und war viele Jahre sozialpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion in der Wiesbadener Stadtverordnetenversammlung. Die Tochter schildert, sie habe in früheren Beschäftigungen immer mehr gearbeitet als verlangt war und sie sei ein engagierter Mensch.

Doch nun stehen sie vor Gericht. Der Vater hat sich wegen Anstiftung zur Untreue und seine Tochter wegen Beihilfe zur Untreue zu verantworten. Beide geben zu, dass die Tochter von 2017 bis 2019 bei der AWO für einen Bruttogehalt von monatlich 2460 Euro für eine 20-Stunden-Stelle angestellt war, aber nie etwas für das Geld tun musste. Sie versichern aber auch, dass dies keine Absicht war.

Die Staatsanwaltschaft sieht das anders. Sie wirft dem Vater vor, das lukrative Geschäft eingefädelt zu haben. Er soll seine Kontakte zur damaligen AWO-Geschäftsführerin Hannelore Richter genutzt haben, um seiner Tochter die Anstellung bei dem Sozialverband zu verschaffen. Die Stelle sollte es ihr ermöglichen, ein berufsbegleitendes Online-Studium der Sozialen Arbeit bei der Hochschule Rhein-Main aufzunehmen, ohne zusätzlich arbeiten zu müssen. Die Tochter, die nach ihrem Ethnologie-Studium keine Arbeit gefunden hatte, wollte sich beruflich umorientieren und ihren Eltern nicht auf der Tasche liegen.

Sie sei bei Vertragsschluss davon ausgegangen, dass ihr eine Tätigkeit in der Flüchtlingshilfe in Frankfurt zugewiesen werde, behauptet die Tochter. Mehrmals habe sie nachgefragt, wann sie mit der Arbeit beginnen könne. Doch sie sei von Hannelore Richter, die auch Sonderbeauftragte für die Flüchtlingshilfe in Frankfurt war, hingehalten worden. „Irgendwann habe ich resigniert“, sagt sie. Zufrieden sei sie mit der Situation nicht gewesen, sondern immer wieder in emotionale Tiefs gerutscht. Denn die im Studium erlernte Theorie sollte in der Praxis erprobt werden. Da die kontinuierliche Anstellung in dem Sozialverband Bedingung gewesen sei, um ihr Studium fortzuführen, habe sie nicht gekündigt – eine Entscheidung, die sie heute bereue.

Die Inhalte diverser Mails an die AWO-Geschäftsführerin und von ihr, die Richter Fabian Schicke in der Verhandlung verliest, beweisen, dass die 35-Jährige wiederholt ihre Arbeitskraft anbot. Sie legen auch nahe, dass es Abmachungen zwischen Vater, Tochter und Hannelore Richter gegeben haben könnte, von einer Arbeitsleistung abzusehen. Immer wieder wird in den Mails Bezug auf Gespräche und mündliche Absprachen genommen, die dergleichen vermuten lassen.

„Warum sollte sie ihre Arbeitskraft anbieten, wenn es Vereinbarungen gegeben hat“, gibt Verteidiger Bernhard Lorenz zu bedenken. Nach dem Arbeitsrecht müsse der Arbeitgeber die Arbeit zuweisen, der Arbeitnehmer sie nicht aktiv einfordern. Folglich habe die Frau auch nicht kündigen müssen.

Während der Verhandlung stellt sich heraus, dass sich die Tochter doch nicht immer an die Regeln hielt. Mit Hilfe Richters erschlich sie sich ihre Zugangsberechtigung für das Studium. Die Geschäftsführerin stellte ihr bereitwillig ein Zeugnis für mehrjährige Tätigkeiten in der Schülerhilfe und im Frauenhaus aus, weil sie vorherige Beschäftigungen in der Sozialarbeit vorweisen musste. „Das war mir schon unangenehm, aber ich habe es auch als Chance gesehen, studieren zu können“, erklärt die Tochter. Die Frage ist: Hat der Vater davon gewusst oder hat er es bei Richter gar erbeten? Vater und Tochter sagen: nein.

Gefakt werden sollte offenbar auch ein Bericht über ein mehrwöchiges Praktikum im Frauenhaus. Da ihr dort keine Tätigkeit zugewiesen wurde, verfasste sie ihn selbst, sagt die Tochter. Die Frauenhausleiterin unterschrieb ihn nicht. Da es Hinweise darauf gibt, dass der Vater mehrmals mit der Leiterin wegen des Praktikums Kontakt aufnahm, wird in der nächsten Verhandlung zu klären sein, welche Absicht er damit verband. Die Tochter gab ihr Studium am Ende auf.

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