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Wiesbaden: Paradies für Vögel

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Von: Mirjam Ulrich

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Ornithologe Reinhard Vohwinkel ist zur Beringung der Vögel auf dem Deponiegelände.
Ornithologe Reinhard Vohwinkel ist zur Beringung der Vögel auf dem Deponiegelände. © Renate Hoyer

Bei einer vogelkundliche Führung auf der Deponie Dyckerhoffbruch in Wiesbaden werden Schwarzmilane beringt. Doch die Greifvögel lassen lange auf sich warten.

Über der Deponie Dyckerhoffbruch kreisen Schwarzmilane. Die dunkelbraun gefiederten Greifvögel fliegen täglich in die fast 4000 Quadratmeter große Halle, in der große Haufen Hausmüll und Bioabfall zwischenlagern. Sie suchen dort nach Futter. „Schwarze Milane fressen noch mehr Aas als Rotmilane“, weiß der Vogelkundler Reinhard Vohwinkel. Er hat am Wochenende in der Halle drei große Netze gespannt, um Schwarzmilane zu fangen, zu beringen und zu vermessen. Der Experte kommt dafür jedes Jahr zur Brutzeit aus Velbert zur Deponie der Entsorgungsbetriebe der Landeshauptstadt (ELW). Er nennt Wiesbaden und Frankfurt „die Hochburg der Schwarzmilane in Deutschland, weil es da so viel Wasser gibt“.

Diesmal sollen ihm die 15 Teilnehmer einer vogelkundlichen Führung beim Beringen zusehen dürfen. Die ELW veranstalten die Tour anlässlich ihres 25-jährigen Bestehen. Der Vogelkundler Hubert Diry ist auf Singvögel spezialisiert. Wie Vohwinkel ist er ehrenamtlicher Mitarbeiter der Vogelwarte Helgoland, die auch für Hessen zuständig ist. Anhand einer Schautafel mit Fotos erläutert er die Fress- und Zuggewohnheiten der Singvögel. „Die meisten Kohlmeisen, die man hier im Winter sieht, stammen aus Schweden, Norwegen und Russland, während unsere in Spanien überwintern.“

Diry führt die Gruppe über das Deponiegelände. In der Nähe der großen Halle ist ein Zilpzalp zu hören. Hubert Diry spielt mit einem MP3-Player den Gesang des Laubsängers ab: „Zilp zalp zilp zalp“. Der Vogel antwortet prompt. Diry erläutert der Gruppe, was das bedeutet: „Hier bin ich und hier hat kein anderer zu sein.“ Manche Vogelarten töten sogar ihre Konkurrenten, die in ihr Revier eindringen, zum Beispiel das Rotkehlchen.

25 Aktionen

Die Entsorgungsbetriebe der Landeshauptstadt Wiesbaden (ELW) feiern 2022 ihr 25-jähriges Bestehen mit 25 Aktionen.

Eine Deponieführung steht zum Beispiel am Dienstag, 16. August, auf dem Programm. Öffentliche Führungen bieten die ELW ansonsten erst wieder 2023 an. miu

Das Programm und Informationen zur Anmeldung gibt es unter: www.elw.de/elw/25-jahre-elw

Die Gruppe geht weiter zum Deponielehrpfad. Am Teich singt eine Nachtigall, sie lässt sich aber nicht blicken. Plötzlich ertönt der Ruf eines Pirols. „Das wir den hier hören, ist eine Sensation“, sagt Diry. Der Pirol steht in Hessen auf der Vorwarnliste der bestandsgefährdeten Vogelarten. Auf der Deponie finde er ideale Bäume zum Brüten: Espen und Pappeln, erläutert der Vogelkundler. Die Brutzeit beginnt Ende Mai und dauert bis zu 18 Tagen. Im August zieht er über die Alpen und die Sahara ins südliche Afrika.

Diry pfeift wie ein Pirol, der Vogel antwortet. Kurz blitzt dessen knallgelbes Gefieder und seine schwarzen Flügel und Schwanzfedern auf, als er von einer Baumkrone zur anderen fliegt. „Es ist schön, eine Führung mit einem Vogelkundler mitzumachen, der sich auskennt“, sagt Sarah Weißmann, eine der Teilnehmer:innen. Das Deponiegelände habe sie sich ganz anders vorgestellt. Mehr als 80 Vogelarten kommen dort vor, von denen etwa die Hälfte auch da brütet. Zwölf der Arten stehen in Hessen auf der Roten Liste bedrohter Vögel, wie etwa Schwarzkehlchen, Steinschmätzer und Eisvogel. Die ELW bauten zum Teil extra geeignete Lebensräume für sie auf.

In der Halle hat Reinhard Vohwinkel nur einige verwilderte Brieftauben gefangen und beringt. Die Milane gehen ihm nicht ins Netz, sie haben die Gruppe erspäht. Der nächste Fang ist eine Rabenkrähe, auch sie bekommt einen Ring aus Aluminium. Sie hackt dem Vogelkundler dabei in die Hand. Aus der Gruppe traut sich deshalb nur Michael Balk, die Krähe von Vohwinkel zu übernehmen, um sie wieder fliegen zu lassen. Michael Balk und seine Frau Stephanie interessieren sich besonders für die Schwarzmilane. „Solche Vögel im urbanen Lebensraum zu finden, ist etwas Besonderes“, sagt er. Eine Taube und eine Rabenkrähe in die Hand zu nehmen, nennt er „auch ein tolles Erlebnis“.

Als Nächstes holen Vohwinkel und Diry einen Graureiher aus dem Netz. Diry hält ihn beim Beringen: „Vor dem Schnabel muss man sich in Acht nehmen, Reiher zielen und hacken nach den Augen.“ Ein Reiher kann 25 Jahre alt werden, deshalb bekommt er Stahlringe, an jedes Bein einen. Auf einem steht die siebenstellige Nummer der Vogelschutzwarte Helgoland, auf dem anderen Ring am Oberschenkel eine kurze Nummer, die sich von Weitem mit dem Fernglas ablesen lässt.

Die Milane bleiben jedoch misstrauisch. Zwar fliegen einige in die Halle, sie kratzen aber vor den Netzen die Kurve und fliegen wieder heraus. Erst nach der Veranstaltung gehen Reinhard Vohwinkel fünf ins Netz: vier Männchen und ein Weibchen, einer der Greifvögel trägt bereits einen Ring. Vohwinkel beringt die anderen, misst bei allen fünf die Flügellänge und das Gewicht. Danach ziehen sie wieder am Himmel ihre Kreise.

Ein Milan nutzt die Thermik und kreist am Himmel über der Muelldeponie Dyckerhoffbruch. 
Ein Milan nutzt die Thermik und kreist am Himmel über der Muelldeponie Dyckerhoffbruch.  © Renate Hoyer

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