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Die domäne stellt Fleisch, wurst und Käse her. Jetzt soll der Viehbestand reduziert werden.

Wiesbaden

Zoff um die Domäne Mechtildshausen in Wiesbaden

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Stadtrat Christoph Manjura möchte das Hofgut in Wiesbaden verkleinern. Der neue Geschäftsführer Thomas Dosch hatte andere Pläne. Deshalb musste er gehen.

Die Zukunft der Domäne Mechtildshausen steht auf wackligen Füßen. Finanziell geht es der Trägergesellschaft Wiesbadener Jugendwerkstatt (WJW) so schlecht wie nie. Die Kassenkredite von 7,5 Millionen Euro, mit der die Stadt sie seit 2017 unterstützt, sind zum Jahresende aufgebraucht, ist von Insidern zu erfahren. Die Belegschaft ist verunsichert, der Aufsichtsrat handlungsunfähig und zerstritten. In der Aufsichtsratssitzung am Mittwoch gab es Zoff, Tränen und eine Mandatsniederlegung. Der Konflikt um den Geschäftsführer Thomas Dosch zieht Probleme auf allen Ebenen der städtischen Gesellschaft nach sich. Dosch, am 6. März vom Aufsichtsrat bestellt, hätte seine Stelle zum 1. August antreten sollen. Daraus wurde nichts. Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD) hatte gebeten, das Bestellungsverfahren zu stoppen, weil das Verhältnis zwischen Stadtrat Christoph Manjura (SPD) und Dosch als zerrüttet gilt. Manjura hatte ohnehin nicht vor, Doschs Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Neben Werner Backes, für Ausbildung und Qualifikation zuständig, werde es keinen zweiten Geschäftsführer geben, sagte er gestern der FR auf Nachfrage.

Zu den vielen Problemen der WJW gesellt sich nun ein weiteres: Nach einem von den Grünen in Auftrag gegebenen Rechtsgutachten kann Dosch auf Schadensersatz klagen. Das städtische Rechtsamt beurteilt dies anders.

Auf Dosch, Ex-Bioland-Präsident und seit 2014 Abteilungsleiter im niedersächsischen Agrarministerium, ruhten vor kurzem noch Hoffnungen. Manjura persönlich hatte ihn dem Aufsichtsrat als Geschäftsführer vorgeschlagen. Dosch ist Fachmann für Landwirtschaft und verfügt über eine Zusatzausbildung in der Erwachsenenbildung – eine ideale Kombination also für die Domäne, in der abgehängte Jugendliche geschult werden.

Die Wiesbadener Jugendwerkstatt bildet 370 Jugendliche und Arbeitslose in eigenen Werkstätten aus. Zuzüglich der Ausbilder und Meister hat die WJW 600 Beschäftigte.

Die Domäne Mechtildshausen in Erbenheim ist ein Öko-Hof mit 600 Hektar Land auf verschiedenen Standorten. In Gaststätten und Geschäften auf der Domäne verkaufen die Jugendlichen und Arbeitslosen die von ihnen hergestellten Produkte.

Die Idee: Die Azubis halten die Liegenschaften instand. mre

Im Juni und Juli hatte Dosch auf freiberuflicher Basis schon mal den Betrieb der Domäne unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten untersucht und eigene Ideen für die Konsolidierung entwickelt. Mit diesen soll Manjura nicht einverstanden sein. Dosch möchte die Domäne in ihrer jetzigen Größe sanieren, der Dezernent plant ihre Verkleinerung. Er betont zwar, die Domäne als „erlebbaren Ort“ erhalten zu wollen. Andere befürchten aber, dass ihm das ohne einen Fachmann, der das komplizierte Gefüge der landwirtschaftlichen Produktion versteht, nicht gelingt.

Manjura begründet seine Haltung mit der Wirtschaftsuntersuchung von Walter Wallmann, dem Landesbeauftragten für Wirtschaftlichkeit in der Verwaltung. Kritiker sagen, dessen Untersuchung mangele es an agrarökonomischem Sachverstand. Der Ausbau des Hofs Klarenthal ist bereits gestoppt, die Viehherden sollen verkleinert, das Personal reduziert werden. Die Grünen jedoch sind strikt dagegen, den Vorzeigehof auf der Domäne zu verkleinern. Sie fordern, Manjura solle bis Ende September ein Wirtschaftlichkeitskonzept vorlegen.

Die seit Jahren schwelende Auseinandersetzung, wie viele Jugendliche und Arbeitslose die Stadt der WJW zur Ausbildung oder Qualifizierung schickt, ist nicht beigelegt. Die WJW lässt sich ihre Ausbildungsarbeit bezahlen. Seitdem die Jugendarbeitslosigkeit gesunken ist, gehen die Zuweisungszahlen des Jobcenters zurück. Geschäftsführer Backes sagt, es könnten nicht mehr alle Plätze zur beruflichen Qualifizierung besetzt werden. Kritiker dagegen behaupten, es gebe genug Bedarf. Die Stadt müsse mehr in ihre Jugendlichen investieren. Laut Statistischem Jahrbuch waren im Juli 7,6 Prozent der unter 25-Jährigen arbeitslos. Nach der Caritas-Bildungsstudie liegt die Quote der Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss in Wiesbaden bei sechs bis acht Prozent, der Landesdurchschnitt bei vier bis sechs Prozent.

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