Rhein Main

Wirtschaft in Wiesbaden auf Talfahrt

  • Madeleine Reckmann
    vonMadeleine Reckmann
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Die Industrie- und Handelskammer (IHK) legt den Lagebericht der Unternehmen in Wiesbaden, Hochheim und dem Rheingau-Taunus-Kreis vor. Die Ergebnisse sind so schlecht wie nie.

Historischer Tiefstand“, „so schlecht wie nie“, „massiv eingebrochen“ – die Worte, die Florian Steidl für den Lagebericht der Unternehmen in Wiesbaden, dem Rheingau-Taunus-Kreis und Hochheim wählt, sind die gleichen, wie sie für den Zustand der deutschen Wirtschaft durch die Medien ziehen. Der Chefvolkswirt der Industrie- und Handelskammer Wiesbaden beschreibt die Situation sachlich. Und dennoch ist Dramatik spürbar.

Normalerweise wird der dreimal jährlich erhobene wirtschaftliche Lagebericht der Presse per Mail zugeschickt. In Anbetracht der außerordentlichen Folgen der Corona-Pandemie wurden die Journalisten zum Gespräch geladen. „Das Geschäftsklima ist regelrecht abgestürzt“, sagt Steidl. Nach einer repräsentativen Konjunkturumfrage der IHK Wiesbaden vom 21. April bis 18. Mai schätzen die Betriebe ihre Lage miserabel ein. 

Geschäftsklimaindex

Geschäftslage: Im Vergleich zur Umfrage der IHK Wiesbaden Anfang 2020 schätzen die Unternehmer ihre Geschäftslage jetzt düster ein. Nur 22 Prozent beschreiben die Lage als gut, das sind 22 Prozentpunkte weniger als zu Jahresbeginn. 45 Prozent (37 Prozentpunkte mehr) beurteilt sie als schlecht, ein Drittel als befriedigend (minus 15 Prozentpunkte).

Personalabbau: Die Zahl der Unternehmen, die mit Personalabbau rechnen, ist gestiegen. Nur sieben Prozent (vorher 18) möchte neue Stellen schaffen, 32 Prozent ihre Belegschaft verkleinern (vorher 50) und 61 Prozent (vorher 68) ihre Mitarbeiter halten.

Investitionen: Nur noch zwölf Prozent der Betriebe (minus 13 Prozent) wollen in den kommenden zwölf Monaten investieren, 56 Prozent planen eine Kürzung (plus 29 Prozent) und 32 Prozent gehen von gleichbleibenden Investitionen aus ( vorher 48 Prozent). mre

Der Geschäftsklimaindex hat eine nie gesehene Talfahrt hingelegt. Nach zehn Jahren mit glänzenden Wachstumsraten von durchschnittlich 121 Punkten hat sich der Geschäftsklimaindex innerhalb eines Jahres annähernd halbiert und ist seit Jahresbeginn um 52 Punkte auf 64 Zähler abgerutscht. Er toppt sogar die Krise von 2009 – bis dato mit 85 Punkten der schlechteste Wert. Für Steidl beunruhigend:

Eine schnelle Erholung ist aus Sicht der Unternehmer nicht vor 2021 zu erwarten. Sie gehen sogar davon aus, dass sich die Bedingungen, sich mit Geld zu versorgen, verschlechtern. Fachkräftemangel, das größte Problem vor Corona, ist plötzlich unwichtig geworden. Die Ausbildungsstellen wurden um elf Prozent reduziert.

Als Beispiel für den Einbruch im Einzelhandel dient Seidl die Passantenzählung in der Kirchgasse. Kurz nach dem Shutdown ging die Passantenfrequenz um 90 Prozent zurück. Von März bis Mai hielten sich im Durchschnitt 60 Prozent weniger Menschen in der Einkaufstraße auf – 1,2 Millionen Personen.

Um die Unternehmen zu unterstützen, fordert IHK-Präsident Christian Gastl von der Politik, die Bürokratie zu vereinfachen, mehr betriebliche Liquidität und beim Digitalisierungsschub und der Ausbildung von Fachkräften zu helfen. Zudem sollten Kommunen ihrer Verantwortung als Auftraggeberinnen gerecht werden und nicht knausern. Um die Innenstädte vor dem Ausbluten zu bewahren, hofft Gastl auf unbürokratische Unterstützung. „Die Kommunen könnten neue Veranstaltungsformate kreativ begleiten und mobile Verkaufsstände zulassen“, sagt er. An das Land richtet er die Hoffnung, dass über das Sonntagsverkaufsverbot neu nachgedacht werde.

Es gibt auch Hoffnung: Das Kurzarbeitergeld federt nach Ansicht von Steidl die Negativeffekte auf dem Arbeitsmarkt ab. Die Lage stabilisiere sich inzwischen leicht, und Innovation und Digitalisierung erführen einen enormen Schub.

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