Wiesbaden

Wiesbadener Schlachthof sammelt Spenden

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Wegen der Corona-Pandemie bittet auch der Wiesbadener Schlachthof um Spenden. Die Aktion des Kulturzentrums stößt auf große Resonanz.

Wir sind in einer soziokulturellen Notlage entstanden und befinden uns ausgerechnet im 25. Jahr wieder in einem kulturellen Notstand“, sagt Gerhard Schulz vom Kulturzentrum Schlachthof in Wiesbaden. Um die finanzielle Not zu lindern, hat das Team eine Spendenkampagne initiiert. Binnen zwei Wochen sind mehr als 100 000 Euro zusammengekommen. „Es ist irre, das zu erleben“, sagt Schulz. Und gleichzeitig stimme es nachdenklich.

Im Moment ist es ruhig auf dem Gelände; seit dem 11. März hat keine Veranstaltung mehr stattgefunden. Der Schlachthof ist ein gemeinnütziger nicht-städtischer Verein mit mehr als 40 festangestellten Mitarbeitern, Schulz ist dessen Vorsitzender. Die meisten Mitarbeiter befinden sich in Kurzarbeit. Im Kesselhaus, dem kleineren der beiden Veranstaltungsräume, ist derzeit eine Rettungswache untergebracht.

Mit rund 500 Veranstaltungen und 300 000 Gästen im Jahr ist der Schlachthof einer der größten Kulturveranstalter im Rhein-Main-Gebiet – und wie andere Einrichtungen durch das Veranstaltungsverbot existenziell bedroht. Der Verein finanziert sich zu etwa 95 Prozent aus eigenen Einnahmen. Das Spendengeld soll helfen, in den nächsten Wochen über die Runden zu kommen. Die Startnext-Kampagne endet am 20. Mai, 200 000 Euro sind das Ziel. Viele Gäste haben ihre Tickets behalten. Derzeit wird über die Verschiebung von Konzerten in den Herbst oder ins nächste Jahr verhandelt.

Routine wird hinterfragt

Gerhard Schulz sagt, ihn trieben dieser Tage viele Fragen um. Da ist zum einen der Gedanke an andere Vereine oder Initiativen, die über keine Lobby und große Fangemeinde verfügen, aber ebenfalls dringend Geld benötigen. Deswegen will der Schlachthof die Spenden nicht allein für sich beanspruchen: Je fünf Prozent gibt er weiter an die Vereine „Frauen helfen Frauen“ und „Mensch Mensch Mensch“, der die Bewegung Seebrücke trägt.

Es gehört zum Selbstverständnis der Institution Schlachthof, jenen im Wortsinne eine Bühne zu bieten, die anderswo nicht gehört oder gesehen werden. Die Gründung eines soziokulturellen Zentrums Anfang der 1990er Jahre sollte einen Kontrapunkt zur Hochkultur setzen. Mehr als zwei Jahrzehnte später steht das Konzept in seiner Vor-Corona-Form zur Disposition. „Ich glaube nicht, dass aus dem Schlachthof nun ein Schuhgeschäft wird, aber wir hinterfragen vieles“, sagt Schulz. Der Schlachthof sei auf vollen Touren gelaufen, alles zur Routine geworden. Inzwischen liegen erste Ideen für neue, alte Formate vor.

Die Krise könne die richtige Zeit sein, neue Wege zu beschreiten, auch in der Kulturpolitik, glaubt Schulz. Weg von dem vorherrschenden Gedanken, dass Kultur das ist, was man sich leistet, wenn alles andere bezahlt ist, hin zu der Sicht: „Kultur ist das, was wir tun.“

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