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Der Vorsitzende des Wiesbadener Kulturrats Ernst Szebedits .

Wiesbaden

Wiesbadener Kulturrat: „Kultur ist kein Luxusgut“

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Der Vorsitzende des Wiesbadener Kulturbeirats, Ernst Szebedits, spricht im Interview über die Bedeutung des Gremiums.

Unabhängig von Corona wird der Kulturbeirat per Briefwahl gewählt. Der Vorsitzende Ernst Szebedits erläutert die Arbeit und die Bedeutung des Gremiums.

Am Freitag endet die Frist für die Briefwahl des Kulturbeirats. Bis Ende März wurden gerade einmal 500 Wahlunterlagen angefordert und verschickt. Das wirkt nicht so, als seien die Wiesbadener von der Notwendigkeit des Kulturbeirats überzeugt, oder?

An den Sitzungen des Kulturbeirats gab es in den vergangenen zwei Jahren aber ein reges Publikumsinteresse. Die Sitzungen sind öffentlich und es kamen Bürger und Bürgerinnen und hörten zu. Auch das vielseitige kulturelle Angebot in Wiesbaden wird rege genutzt – jedoch oft als selbstverständlich genommen. Nachdem nun alle kulturellen und künstlerischen Veranstaltungen komplett weggebrochen sind, merken viele doch, was ihren Alltag prägt und auch ein Stück ihres Lebensgefühls mitbestimmt.

Rechnen Sie also diesmal mit einer höheren Wahlbeteiligung? An der Wahl zum ersten Kulturbeirat 2018 beteiligten sich nur knapp zwei Prozent.

Nein, eher mit einer geringeren Beteiligung, da Corona die öffentliche Wahrnehmung dieser Wahl erschwert. Viele Menschen haben im Moment existentielle Probleme. Außerdem ist es schon ein Hindernis, dass man die Wahlunterlagen nicht automatisch zugeschickt bekommt, sondern sich selbst darum kümmern muss. Aus finanziellen und organisatorischen Gründen ist das aber nicht anders machbar.

Nennen Sie mal ein paar Gründe, sich trotzdem zu beteiligen.

Kulturpolitik stellt eine unglaublich große Einflussmöglichkeit auf die Gesellschaft dar, zumal nichts in unserer Gesellschaft ohne Kultur läuft. Alle Prozesse, bis in die Wirtschaft hinein, sind kulturell geprägt. Wenn man sich aber anschaut, was jetzt an Geldern ausgegeben wird, um die Wirtschaft zu stützen, ist klar, dass sich das umgekehrt in den Etats der nächsten Jahre niederschlagen wird. Dann kommt es darauf an, dass der Kulturbeirat intensiv für die Kultur kämpft. Denn wo wird immer zuerst gespart? Bei der Kultur.

Welche Aufgaben hat denn der Kulturbeirat?

Zur Person

Ernst Szebedits (68)  ist seit 2018 Vorsitzender des Kulturbeirats. Bis Ende 2019 war er Vorsitzender der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung.

Dem Kulturbeirat  gehören 25 Personen aus Politik und den verschiedenen Sparten der Kultur an. Zwölf Kulturschaffende werden in einer öffentlichen Wahl direkt gewählt, sie vertreten jeweils eine von acht Sparten. Eine Sparte bleibt diesmal aber mangels Kandidaten unbesetzt.

Die Briefwahl  dauert bis Freitag, 24. April. Die Unterlagen können bis morgen, 21. April, angefordert werden. Infos zur Wahl und den Kandidaten unter:
www.kulturbeirat-wiesbaden.de.

Wir arbeiten alle ehrenamtlich und tagen ungefähr alle sechs Wochen, und zwar immer kurz vor dem Kulturausschuss. Der Kulturausschuss ist ja das politische Gremium, in dem die Parteien die kulturpolitischen Entscheidungen treffen. Alle Vorlagen, die im Kulturausschuss beraten oder entschieden werden sollen, müssen vorher erst dem Kulturbeirat vorgelegt werden. Wir geben Empfehlungen und Stellungnahmen ab. Der Vorsitzende des Kulturbeirats hat zudem ein Rederecht im Kulturausschuss, wenn es um ein Statement des Kulturbeirats geht. Das heißt, wir greifen direkt in die kulturpolitischen Entwicklungen der Stadt ein.

Wenn Sie auf die vergangenen zwei Jahre zurückblicken, was hat der Kulturbeirat erreicht?

Erst einmal sind die Zusammenarbeit und die Kommunikation zwischen Kulturschaffenden und politischen Vertreterinnen und Vertretern viel enger, intensiver und inhaltlicher geworden. Des Weiteren haben wir erreicht, dass die Pyramide von Monica Bonvicini vor dem Rhein-Main-Congress-Center (RMCC) tatsächlich realisiert wird. Eine Jury hatte das Werk 2017 in einem Wettbewerb für die Kunst am Bau ausgewählt, TriWiCon, die städtische Betreibergesellschaft des RMCC, beendete danach einfach das Verfahren. Und für das historische Variété „Walhalla“ gibt es nun einen Beschluss des Stadtparlaments, dass das Gebäude saniert und kulturell genutzt werden soll. Vorher wird ein Interessenbekundungsverfahren europaweit ausgeschrieben.

Und woran hat er sich bislang die Zähne ausgebissen?

Am Thema Kunstsommer und Biennale, da sind wir noch nicht weitergekommen. Wir plädieren dafür, die Veranstaltungen wieder zu trennen, damit beide entsprechend zur Geltung kommen.

Welche Themen stehen für die kommenden zwei Jahre ganz oben auf der Agenda?

Der Kulturentwicklungsplan, dieser Prozess wird die nächsten Jahre der Kulturpolitik in Wiesbaden begleiten und bestimmen. Außerdem die fehlenden Räumlichkeiten für Kulturschaffende – etliche bekamen die Mietverträge gekündigt oder nicht mehr verlängert, anderen steht das bevor. Und wie gesagt, die städtischen Etats werden nach 2021 zusammengestrichen, da muss der Kulturbeirat sein ganzes Gewicht in die Waagschale werfen. Kultur ist kein Luxusgut, das ist ein notwendiges Lebensmittel für jede Gesellschaft. Und wenn man hier eingreifen kann, muss man es tun.

Interview: Mirjam Ulrich

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