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Klaus Warzecha mahnt schon länger als die Klimaaktivistin Thunberg, allerdings in Naurod. 

Wiesbaden

Der Wiesbadener Klaus Warzecha kämpft schon lange gegen die Klimakatastrophe

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Der 85-Jährige wird am Freitag in Wiesbaden gemeinsam mit Schülern demonstrieren, die seine Urenkel sein könnten. Sie haben einiges gemeinsam.

Ganz oben auf dem Stapel liegt Atlas, der die glühende Erde auf seinen Schultern trägt. „Selbstverbrennung“, ein furchtbarer Titel und ein schockierendes Bild für ein Buch über das Leben auf dem schönen blauen Planeten. Inzwischen aber Realität, wenn es um die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff geht, so der Untertitel des Buches von Hans Joachim Schellnhuber. Das Bild als Symbol für die brennende Erde hinterlässt mehr Eindruck als viele Worte, die sich so leicht verdrängen lassen. „Ich bin alles andere als pessimistisch“, schiebt Klaus Warzecha schnell hinterher, damit sich kein falscher Eindruck einschleicht. Aber er weiß, dass die „Klimawalze uns schneller überrollt“, als der Mensch zu handeln bereit ist. Er ist schon zum stillen Protest auf Straßen und Plätzen aufgetaucht, als noch niemand Greta Thunberg kannte.

Am Freitag wird Klaus Warzecha wieder dabei sein, wenn Schüler aus Frankfurt mit endlich aufgewachten Zeitgenossen aus der Landeshauptstadt zwischen Rathaus und Landtag aufmarschieren. Kein „Opa for future“, wie er schon ein wenig despektierlich genannt wurde, sondern ein „engagierter Großvater“, das gefällt ihm schon besser. „Ernsthaftes Bemühen eines Laien“, nennt er sein Engagement, bei seinem Hintergrund eine glatte Tiefstapelei.

Eine Art Schwindelgefühl wird nicht los, wer ein paar Stunden mit Klaus Warzecha geredet hat. Nicht weil er so schnell redet, eher weil er langsam spricht, nachdenkt beim Sprechen, jeden Satz formuliert. Weil er Fakt an Fakt reiht, hochkonzentriert, aufmerksam, stets bei der Sache. Ein Mann der Wissenschaft, der gar nicht mit Emotionen handeln muss, um sie zu wecken. Klaus Warzecha, promovierter Industriechemiker mit Faible für Biochemie und Stoffwechselvorgänge in der Biologie schon in jungen Jahren. Heute 85 Jahre alt, für Anfang 70 würde er durchgehen.

„Wir haben begriffen.“ Er sagt den nur scheinbar beruhigenden Satz mehrmals im Gespräch. Man spürt trotz der Ruhe, mit dem er ihn ausspricht, dass da noch etwas nachkommt. Etwas, das die Ruhe ins Gegenteil verkehrt. In die Aufforderung, dass es nicht reicht zu verstehen, ohne dann auch den Verstand einzusetzen. „Wir haben begriffen“, sagt Klaus Warzecha. „Das Problem erkannt, die Konsequenz verweigert.“ Der Mensch als der größte Schwachpunkt im System, er begreift, handelt aber kontraproduktiv.

Die Schülerbewegung „Fridays for Future“ geht am ersten Freitag nach den Sommerferien wieder auf die Straße, um die Politik zum Handeln gegen die Klimakatastrophe zu bewegen. Der Report des Weltklimarats habe gezeigt, dass die Bundesregierung endlich handeln müsse, teilen die Veranstalter mit.

Unter dem Motto „Gemeinsam sind wir stark“ protestieren die Fridays-for-Future-Aktivistinnen und Aktivisten aus Frankfurt und Wiesbaden in der Landeshauptstadt.

Treffpunkt ist am Freitag, 16. August, um 12 Uhr am Wiesbadener Hauptbahnhof, wo die Frankfurter Jugendlichen mit der Bahn ankommen. Der Demonstrationszug führt zum Luisenplatz. Dort ist für etwa 13 Uhr eine Abschlusskundgebung geplant. mre

Deshalb geht Klaus Warzecha immer wieder mit anderen Klima-Aktivisten auf die Straße. Meist still, dezent im Hintergrund, dreht er seine Runden bei Demonstrationen, in der Hand das selbst gestaltete Schild auf einem Besenstiel seiner Frau: „Kohle nicht mehr verbrennen.“ Die Medizinerin Hiltrun Warzecha (85) unterstützt ihn inzwischen „mit gemischten Gefühlen“. Hat auch Angst um ihn, spricht von „Ohnmacht und Frustrationspotenzial, das viele hasserfüllt“ mache.

„Ich bin Alleinkämpfer“, sagt Klaus Warzecha. Aber er hat Kontakt zum Wiesbadener Bündnis Energiewende, in dem sich viele Kleingruppen verbunden haben. Drei Anzeigen haben er und seine Frau im „Wiesbadener Kurier“ geschaltet, als die Bewegung für einen Klimawandel im Frühjahr in Schwung kam. „Rentner/Innen begleiten Schüler zur Klimademo am Hauptbahnhof Wiesbaden“, hieß es darin. Na ja, so „knapp zwei Dutzend Leute“ seien dem Aufruf wohl gefolgt, ein wenig ernüchternd war das schon.

Klaus Warzecha mit seinem Schild in der Hand lässt sich nicht entmutigen. Spricht vom „Overshoot day“, der in diesem Jahr bereits Ende Juli erreicht worden sei. Der Tag des laufenden Jahres, an dem die menschliche Nachfrage nach nachwachsenden Rohstoffen das Angebot und die Kapazität der Erde zur Reproduktion dieser Ressourcen übersteigt. „Wir können nicht auf dem hohen Verbrauchslevel bleiben“, sagt er leise, aber eindringlich. „Deutschland braucht drei Erden, der Rest der Welt Eindreiviertel.“

Unter Atlas mit der glühenden Erde auf der Schulter stapelt sich weitere Fachliteratur, liegen Berichte, Studien des Fraunhofer-Instituts, des Forschungsverbundes erneuerbare Energien, des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Der Wissenschaftler mag keine politisch motivierten Fake News zum Klima.

„Ist das neue Produkt im Wasser abbaubar?“ Das sollte Klaus Warzecha als junger Chemiker erforschen. Über das Thema Umwelt haben sie im Betrieb eher wenig gesprochen, damals, Anfang der 60er Jahre. Aber in der Evangelischen Akademie Arnoldshain, in der Arbeitsgemeinschaft Naturwissenschaft, Ökologie, Technik, Umwelt. Da hat er Tagungen mit namhaften Forschern und Wissenschaftlern organisiert und geleitet, hat „hochrangige Leute“ verpflichtet, die ihm Zukunftsdenken eingepflanzt haben.

Die Kirche mit ihren Schöpfungsgedanken war ihm stets ein Leitbild. Deswegen hat er nach den Akademie-Zeiten immer wieder vor der Kirche in seinem Wohnort Naurod mit seinem Schild Runden gedreht, wenn die Parteien mal wieder Werbung vor einer Wahl gemacht haben. Oder beim Weinmarkt in Wiesbaden, penetrant vor dem Stand der CDU. Als Andrea Nahles beim SPD-Parteitag in der Landeshauptstadt zur Parteivorsitzenden gewählt wurde, hat ihn die Polizei „freundlich vertrieben“. Klaus Warzecha kommt immer wieder. Er sagt es mit einem Lächeln: „Dieser alte Mann tut es nicht für sich.“

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