Wiesbaden

Wiesbadener Flüchtlingsberatung vor dem Aus

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Die Werkgemeinschaft appelliert, das psychosoziale Hilfsprojekt in Wiesbaden weiter zu fördern.

Obwohl die Flüchtlingszahlen sinken, sei der Bedarf an psychosozialer Beratung nicht geringer geworden, sagt Ellen Gräff, Leiterin des Psychosozialen Zentrums. Bei vielen Menschen machten sich die Folgen von Krieg, Gewalt und Flucht erst zeitversetzt bemerkbar. Sie könnten sich in Angst, Panik, Depression oder Unkonzentriertheit äußern. Seit Mai 2017 bietet die Werkgemeinschaft (WRW), ein Verein, der sich für die Belange von Menschen mit psychischen und anderen Beeinträchtigungen einsetzt, für diese Zielgruppe die Anlauf- und Beratungsstelle unter dem Dach des Psychosozialen Zentrums Süd (PSZ) an.

Die Fortführung des Projekts droht nun am Geld zu scheitern. Ellen Gräff, Leiterin des Psychosozialen Zentrums, schlägt jetzt Alarm. Das Geld aus der Förderung der Aktion Mensch, das als Anschubfinanzierung gedacht war, läuft im April aus. Die Beratungstelle „NeW Wiesbaden“ braucht 220 000 Euro für 2020 und 2021. Ansonsten müsse die Beratung schließen. „Wenn Traumatisierungen chronisch werden, ist das eine schlechte Basis für die Integration“, warnt Gräff.

In den vergangenen drei Jahren haben die drei Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von NeW 172 Menschen beraten. Aktuell sind noch fast 100 Personen in Beratung, durchschnittlich zwei Neuanfragen pro Woche gibt es, die auf eine Warteliste gesetzt werden.

Das multikulturelle, von Übersetzern und Ehrenamtlichen unterstützte Team besteht aus drei Fachleuten. Sie bieten den Klienten, die von verschiedenen Stellen an NeW verwiesen werden, Einzelgespräche an. Auch weitere Angebote der WRW wie Deutschkurse oder Bewegungsgruppen können genutzt werden. Die Angebote sind kostenlos. „Vielen Menschen ist häufig nicht bewusst, wie ihr Zustand mit Erlebnissen aus der Vergangenheit zusammenhängt“, sagt Gräff.

Die Beratungsstelle plant, weitere Aufgaben wahrzunehmen: Psychosoziale Angebote für junge Erwachsene, eine Abendsprechstunde für Berufstätige oder auch Aufklärungsarbeit in Schulen und Jugendzentren über das Leben geflüchteter Menschen in Deutschland sind Ideen, die sie gerne umsetzen würde. Am wichtigsten sei jedoch der niedrigschwellige Ansatz zur Stabilisierung und Traumabearbeitung, sagt Gräff. Kontakt kann ohne Terminvereinbarung und ungeachtet des aktuellen Aufenthaltsstatus aufgenommen werden, es gibt keine Voraussetzungen, keine Kosten – laut Gräff „für viele ein echter Rettungsanker“.

Die Mitarbeiter der WRW appellieren an die Politiker, das Angebot der Flüchtlingshilfe in die Regelfinanzierung aufzunehmen. Ihre Vorschläge für den Haushalt für 2020/2021 hat die Kooperation aus CDU, SPD und Grüne im Wiesbadener Rathaus kürzlich in ein Paket geschnürt. Die Förderung der Beratungsstelle für traumatisierte Flüchtlinge „NeW Wiesbaden“ ist nicht dabei. Gesundheitsdezernent Oliver Franz (CDU) lässt auf FR-Anfrage mitteilen, dass die Förderung für den Dachverein Werkgemeinschaft wie in den vergangenen Jahren ausfalle. Die Kooperation habe sich gegen eine weitere finanzielle Unterstützung entschieden.

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