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Betteln und schlafen auf Pappkartons: Erich Schmidt erzählt aus seiner Zeit als Wohnungsloser.

Obdachlosigkeit

Ein Wiesbadener erzählt von seinem Leben als Obdachloser: Zwei Stunden Schlaf und alte Kippen

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Erich Schmidt war mal ganz unten in Wiesbaden, hatte Frau, Job und Wohnung verloren. Nach anderthalb Jahren half ihm die Liebe, wieder ein geregeltes Leben zu führen.

An seinen Ekel, eine Zigarettenkippe zu rauchen, die andere fortgeworfen hatten, erinnert sich Erich Schmidt noch gut. Aber auf ein, zwei Züge am Morgen konnte er nicht verzichten. Also überwand er sich. Wegen seiner steif gefrorenen Finger konnte er sich keine eigenen Zigaretten drehen. Denn damals, vor über 15 Jahren, lebte Schmidt auf der Straße. „Arbeit weg, Frau weg, Wohnung weg – so fing das damals an,“ sagt der 57-Jährige heute. Den Kummer ertränkte er im Alkohol, eine Frau stach ihm aus Eifersucht im Rausch ein Messer ins Bein. Später entzündete sich die Wunde und das Bein musste amputiert werden. Als er aus dem Krankenhaus kam, blieb nur die Straße. Schmidt war ganz unten.

Das Diakonische Werk ist in Wiesbaden Spezialanbieter für Wohnungslosenarbeit.

Im Biwak in der Rheinstraße 65 gibt es zwölf Notübernachtungsplätze. Anmeldung bis 14 Uhr, Einlass zwischen 20 und 22 Uhr. Keine Formalitäten erforderlich.

Im Betreuten Wohnen leben 90 Personen, die von Wohnungsverlust bedroht wären, in Wohnungen der Wohnungsbaugesellschaften.

Geplant sind weitere Einrichtungen für auf der Straße lebende Frauen (12 Plätze) und jüngere Erwachsene.

Gerne übernachtete er im Bushäuschen gegenüber der vom Diakonischen Werk betriebenen Teestube in der Dotzheimer Straße. Mehr als zwei oder drei Stunden Schlaf seien nie drin gewesen, berichtet er. Denn er habe ja auf seinen Rucksack aufpassen müssen, ihn eng umschlungen gehalten. „Ohne deine Sachen bist du auf der Straße nichts“, sagt er. Wenn die Teestube, wo er sich waschen konnte und Essen bekam, werktags um 7,30 Uhr öffnete, habe er schon ein paar Euro erbettelt. „Ich konnte gute Geschichten erzählen, dass ich mein Bein im Krieg verloren haben, Panzer drübergefahren.“

In der Teestube haben 400 und 500 Personen ihre Postadresse angemeldet. „Wirklich auf der Straße leben 50 bis 100“, sagt Agim Kaptelli, Leiter des Diakonischen Werks. Der Druck auf dem Wohnungsmarkt treffe die Schwächsten hart, sagt er.

In Wiesbaden brauchen Wohnsitzlose im Winter eigentlich nicht auf der Straße zu schlafen. Im Männerwohnheim der Heilsarmee in der Schwarzenbergstraße ist genügend Platz, um alle Obdachlosen aufzunehmen. Dort gibt es 80 Schlafplätze für Übernachtungsgäste und einen Wohnbereich für 130 Personen. Schmidt war es dort zu eng, zu viele andere Obdachlose hockten aufeinander. Nach anderthalb Jahren konnte er ins Übergangswohnheim für alleinstehende Wohnungslose des Diakonischen Werks in Erbenheim einziehen. 23 Männer haben dort ein Zimmer und erhalten Hilfen zur sozialen Eingliederung. Von dort rief er eine Frau an, mit der er früher einmal zusammen war. Sie wollte den Kontakt zu ihm nur wieder aufnehmen, wenn er trocken sei, antwortete sie. Schmidt hielt zum ersten Mal eine Therapie durch. Heute sind die beiden verheiratet und Schmidt arbeitet als Nachtwache im Übergangswohnheim. Er sagt: „Ich bin froh, dass ich herausgefunden habe. Es gibt nichts Schlimmeres, als auf der Straße zu leben.“

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