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Wiesbaden testet autonomen Bus „Wilma“ auf Klinikgelände

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„Wilma“ dreht auf dem Gelände der Horst-Schmidt-Klinken ihre Runden. Die Fahrt ist kostenfrei. Autonome Busse könnten in Hessen künftig auf dem Land eingesetzt werden.

„Wilma“ ruckelt etwas beim Anfahren, und die Kurven nimmt sie vorsichtig. Ist kein Hindernis in Sicht, steuert der autonom fahrende Kleinbus mit dem altmodischen Mädchennamen auf dem Gelände der Horst-Schmidt-Kliniken langsam mit 15 Kilometern in der Stunde das Ziel an. Operator Christian Jänichen ist aus Sicherheitsgründen dabei. Mit einem kleinen Eingabegerät könnte er eingreifen, sollte Wilma nicht weiterkommen; bremsen könnte er damit auch. „Aber das kommt nicht vor“, sagt er. Wilma ist eben zuverlässig. Ein Klingelgeräusch kündigt ihre Ankunft an. Sie ist so leise, dass man sie nicht hört.

Während der aktuellen Testphase bis zum 29. Februar pendelt das autonome Fahrzeug mit Elektroantrieb täglich auf der 300 Meter langen Strecke vom Bildungszentrum bis zur Baustelle des Klinikneubaus. Passagiere dürfen es kostenlos nutzen, acht Personen haben Platz. Wegen der Baustelle kann Wilma noch nicht bis zur Bushaltestelle fahren. Eine grüne Markierung auf dem Boden führt zu Wilmas Startpunkt.

Nach Mainz und Frankfurt hat auch die Landeshauptstadt ein autonomes Fahrzeug im Testbetrieb. „Wilma ist ein großartiges Aufbruchsignal für den Klinikneubau“, sagt Klinikgeschäftsführerin Sandra Henek anlässlich des offiziellen Starts für Wilma. Nach der Klinikfertigstellung Ende 2021 solle ein autonom fahrender Shuttle die Gebäude auf dem Klinikgelände und die Bushaltestelle miteinander verbinden. Wilmas Batterien können in einer Halle auf dem Gelände aufgeladen werden.

Studie zur akzeptanz

Die R+V Versicherunghat den autonomen Bus (heute: Wilma) in den Jahren 2017 und 2018 in unterschiedlichen Testfeldern erforscht. An ihrem Hauptsitz in Wiesbaden, auf dem Frankfurter Flughafen, einem Betriebsgelände in Marburg und mit der Mainzer Mobilität am Winterhafen in Mainz.

Ein Aspektwar dabei die Akzeptanz: Fühlen sich die Fahrgäste sicher in dem selbstfahrenden Bus? Würden sie ein solches Fahrzeug in öffentlichen Personennahverkehr nutzen? Gemeinsam mit Universitäten hat die R+V Passagiere nach ihren Erlebnissen befragt. Die überwiegende Mehrheit hat keine Angst vor dem autonomen Fahren und sieht in der Testfahrt eine gute Möglichkeit, die Technologie besser zu verstehen. Die Mehrheit der Befragten wünscht sich, dass solche Fahrzeuge dauerhaft im ÖPNV eingesetzt werden. Besonders ältere Menschen sind große Verfechter der neuen Technik. Menschen mit eingeschränkter Mobilität wünschen sich autonome Busse für die erste und die letzte Meile.

Ende 2019hat R+V hat ihre beiden selbstfahrenden Kleinbusse der Marke Navya an den Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) verkauft.

Für den Rhein-Main-Verkehrsverbund dient Wiesbaden als weiteres Testfeld. Die autonomen Fahrzeuge könnten in etwa fünf bis zehn Jahren als „On-demand-Verkehr“ auf dem Land oder in den Tagesrandzeiten in der Stadt eingesetzt werden, schätzt Knut Ringat, Geschäftsführer des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV). Der RMV hat Wilma an den Wiesbadener Verkehrsträger Eswe ausgeliehen. „Wir sehen autonome Fahrzeuge in Zukunft als konsequente Erweiterung des bedarfsorientierten öffentlichen Personennahverkehrs“, erklärt Ringat. Der RMV beteiligt sich an dem Pilotprojekt, die Konzerntochter RMS stellt das Begleitpersonal. Am Mainkai in Frankfurt hätten seit September vorigen Jahres 20 000 Personen im weltweit größten Versuch die autonomen Fahrzeuge genutzt. Nachdem dort die beiden Easymile-Fahrzeuge gut angenommen werden, möchte der RMV in Wiesbaden ein Fahrzeug des Herstellers Navya ausprobieren.

Angebote auf dem Land

Den Wiesbadenern passt der Versuch gut ins Konzept. Für ihre Vision eines öffentlichen Nahverkehrs frei von Emissionen könnte Eswe-Verkehr für die letzten Meilen On-demand-Angebote und autonomes Fahren einsetzen, erklärt Geschäftsführer Jörg Gerhard. Mit Wilma hätten die Wiesbadener die Chance, autonomes Fahren zu erleben.

Verkehrsdezernent Andreas Kowol (Grüne) stellt klar, dass autonome Fahrzeuge keine Alternative zum Bau der Citybahn seien. „Wir brauchen leistungsstarke Angebote für viel mehr Fahrgäste“, sagt er. Denn Wiesbaden wachse, der Autoverkehr nehme zu. Eine Citybahn fasse so viel Passagiere wie vier Gelenkbusse. On-demand-Angebote mit autonomen Fahrzeugen könnten nur eine Ergänzung etwa für die ländlichen Stadtteile am Abend darstellen.

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