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Rabea Krätschmer-Hahn (li.) und Beate Hock kümmern sich um die Teilhabe von Kindern. 

Kinderarmut

Wiesbaden: Planerinnen für mehr Gerechtigkeit

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Beate Hock und Rabea Krätschmer-Hahn wollen städtische Hilfen verbessern.

Die 150 Euro im Jahr für das Schulmaterial müssten alle Kinder mit Anspruch darauf erreichen. Das Geld werde als Pauschale automatisch an die Berechtigten auszahlt. Dennoch ist Rabea Krätschmer-Hahn nicht zufrieden. Andere Leistungen für Bildung und Teilhabe könnten besser in Anspruch genommen werden, findet sie. Nur 15 Prozent der Wiesbadener Kinder im SGB-II-Bezug nähmen die 15 Euro im Monat für Nachhilfeunterricht, Klavierstunden oder Fußballtraining in Anspruch, die das Bundesprogramm für sie bereithält.

Die promovierte Soziologin Krätschmer-Hahn ist in der Abteilung Grundsatz und Planung des Amtes für soziale Arbeit für Hilfen armer Familien zuständig. Sie sucht nach den Lücken im System, um Kinderarmut zu minimieren. Deshalb wird ihr Amt demnächst am Tag der Vereine präsent sein. Außer den Multiplikatoren in der Schulsozialarbeit, den Kitas und im Jobcenter sollen auch die Vereine das Programm Bildung und Teilhabe kennen.

Das Wiesbadener Amt für soziale Arbeit geht seit einigen Jahren nach ihrer Handlungsstrategie „Chancen für herkunftsbenachteiligte junge Menschen“ vor. Es enthält ein mehrschichtiges Bausteinsystem von Unterstützungen von der Geburt bis zum Berufseinstieg. „Wir setzen bei den Eltern und den jungen Menschen an“, sagt Abteilungsleiterin Beate Hock. Das Amt fungiere als Interventionsmanager, wenn die Kinder in Krisen gerieten, versuche in Zusammenarbeit mit dem kommunalen Jobcenter Eltern aus der Arbeitslosigkeit herauszuhelfen und fördere Kinder und Jugendliche mit Bildungsarbeit in den Kindertagesstätten und Schulen und offenen Angeboten. Das alles mit viel persönlichem Kontakt.

Vorträge

Eine neue Initiativemöchte das Problem der Kinderarmut in die öffentliche Diskussion einbringen. Ihr gehören das
Evangelische Dekanat, die Katholische Erwachsenenbildung, der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die AWO, Attac und die Rosa-Luxemburg-Stiftung an.

Den Vortrag„Kinderarmut in Wiesbaden“ halten Beate Hock und Rabea Krätschmer-Hahn, Amt für Soziale Arbeit, am Dienstag, 3. März, 19 Uhr, im Roncalli-Haus in der Friedrichstraße.

Valentin Persauvom AWO-Bundesverband spricht am Donnerstag, 2. April, 19 Uhr, im Georg-Buch-Haus in der Wellritzstraße über „Der Armut entwachsen – Lebenslagen und Lebenschancen von der Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter“. 

„Warme Übergaben“ nennt Krätschmer-Hahn das. Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter begleiten die Menschen engmaschig, stellen ihnen die zuständigen Amtspersonen vor, füllen mit ihnen Anträge aus und denken voraus, wo das nächste Hindernis für die sein könnte, die mit dem modernen komplizierten Leben nicht zurechtkommen. „Sonst verlieren wir sie“, sagt Hock.

In Wiesbaden ist fast ein Viertel aller Kinder von Armut betroffen. „Das Schlimmste an der Armut in einem reichen Umfeld ist, dass die Lebenswelten wenig miteinander zu tun haben“, berichtet Hock. Im Inneren Westend beträgt die Kinderarmut 52 Prozent; in Sonnenberg und im ländlichen Nordosten spielt sie mit 7 Prozent fast keine Rolle. Die Kinder gehen in unterschiedliche Kitas und Schulen und gestalten ihre Freizeit unterschiedlich. „Bei den Armen wächst das Gefühl, zu kurz zu kommen“, bedauert Hock die Entwicklung. Es komme zu Integrationsproblemen, Minderwertigkeitsgefühlen und der soziale Friede sei in Gefahr. Ständig kämen neue Dynamiken aus der Mittelschicht, die die Spaltung verschlimmerten.

„Die Armut wird weitergegeben. Kinder von Grundsicherungsbeziehern rutschen schneller in Grundsicherung“, ergänzt Rabea Krätschmer-Hahn. So verschenke die Gesellschaft Chancen. Die beiden Soziologinnen bewegen sich auf schwierigem Feld. Denn oft hat die Stadt keine Handhabe. „Durch das Bildungssystem geben wir vor, wo die Kinder ankommen. Dabei ist Armut kein individuelles Problem, sondern unsere gesellschaftliche Struktur ist so ausgelegt“, sagt Krätschmer-Hahn. Wer das Geld für das Ticket in einen anderen Stadtteil nicht habe, könne das Bildungsangebot dort eben nicht wahrnehmen.

Das SGB-II-System werde den armen Kindern nicht gerecht, das dreigliedrige Schulsystem mit der frühen Selektion auch nicht. Die Kommune könne Armutsfolgen nur abmildern. Hock plädiert daher dafür, Ungleiches ungleich zu behandeln. Arme Kinder sollten etwa bei der Kitaplatz-Vergabe bevorzugt werden und Stadtverordnete sollten für deren Bildung viel Geld bereitstellen.

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